Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

Mai 1999


Gästebuch

Eintrag im Gedenkbuch der Sternwarte vom 8. 9. 1829


Ein Sternwartebesuch um 1830

J. B. Zarbl berichtet in seinen Erinnerungen aus einer Reise von einem Besuch in der Sternwarte am 8. September 1829. Damit erhalten wir einen recht detailierten Bericht über die Einrichtung in der damaligen Zeit. Wie der Eintrag (4. Name) im Gedenkbuch der Sternwarte zeigt, war Johann Baptist Zarbl damals Subregens in Freising.


Die Sternwarte stehet an der Morgenseite des Stiftes, im Garten. Ihre Lage ist sehr angenehm, der Platz, welcher sie trägt, von allen Seiten ganz frei und gepflastert, und besonders östlich vor der Hauptfronte, mit Blumenbeeten, Baumspalieren und steinernen Bildsäulen verschönert. Der berühmte Prälat Fixlmillner hat sie in den Jahren 1748 - 1758, nach dem Plane des Benedictiners Anselm Desing erbaut, und es ist die Veranlaßung ihrer Erbauung, in einer großen Theurung dem Volke Arbeit zu geben, eben so menschenfreundlich, als ihre Bestimmung erhaben.

Die Bauart des Thurmes ist prächtig, und das Ganze mehr einem Schloße ähnlich, als einem Thurme. Acht Stockwerke hoch, mißt seine Höhe dreißig, seine längere Breite 15, und die schmälere 10 Klafter. Er enthält 126 hohe Fenster, nebst 45 Thüren, und zählet bis in seine Kuppe 339 Stufen. Zwei Seitenflügel an den schmalern Fronten, lehnen sich in schönem Verhältniße an den mittleren, thurmähnlichen Bau an; sie sind fünf Stockwerke hoch, und enden wie dieser in eine Plattform. An den beiden längeren Seiten führet über einige Stufen je ein steinernes Portal durch Doppelthüren in das Innere. Die schöne Stiege erhebt sich an der Morgenseite, die Hälfte des Thurmes durch ein helles geräumiges Stiegenhaus, dessen Wände mit Porträten jener adelichen Jünglinge behangen sind, welche ihre Bildung einst in der hiesigen Ritterakademie erhielten. Vom vierten Stockwerke an aber, windet sie sich im Kerne des Gebäudes hinauf, und an ihr lauft zugleich der sogenannte astronomische Brunnen empor, welcher sich beinahe vier Fuß im Durchmesser, durch den ganzen Bau, von der Grundfeste an bis zum obersten Gipfel, hinaufziehet. Ringsherum reihen sich die vielen Zimmer und Säle, welche die reichen Natur- und Kunstsammlungen des Stiftes enthalten.

Nicht weniger, als das Äußere dieses seltenen Gebäudes prächtig erscheinet, sind auch dessen innere Räume groß und zweckmäßíg, und was immer gefällig seyn, oder das Bedürfniß erheischen mag, du findest in ihm alles vereiniget. Folge mir zu einem flüchtigen Überblick dieser Seltenheit!

Schon im Erdgeschoße ziehet unter andern alterthümlichen Denksteinen, ein Grabstein mit türkischer Inschrift die Aufmerksamkeit auf sich. Ich füge Dir diese Schrift in der Übersetzung an, da du vielleicht eben so wenig als ich, je einen muselmännischen Kirchhof betreten hast. Sie soll also lauten:

Verlassend das Haus der Verwesung betrat ich die Ewigkeit!
Meine Wohnung sey das Paradies!
Seine Jungfrauen und Knaben meine Gespielen!
Hienieden schwindet das Höchste wie das Niedrigste
Empfohlen sey, o Leser! mein Geist dem Erbarmen!

Von zwei gegenüberstehenden Thüren zur Linken und Rechten des Aufganges, führet diese zu der ersten Abtheilung der sehr reichen und trefflich gehaltenen zoologischen Sammlung; jene dagegen in das Laboratorium, in ein Arbeitszimmer, eine Drechslerwerkstätte u. a. Am ersten Absatze der Stiege stehet in einer Mauer-Niesche die schön gearbeitete, koloßale Bildsäule des Claud. Ptolomäus, und an ihr vorbei gelangt man in das erste Stockwerk.
Dieses Stockwerk enthält auf der einen Seite die Officin nebst der Wohnung des Mechanikers, in der andern entgegen die zweite Abteilung der Thiersammlung. Ein zweites Zimmer verwahrt in Glastafeln mehr als vierhalbtausend Arten Insecten, und ein dritter Saal eine vollständige und anziehende Sammlung inländischer Vögel, nebst ihren Nestern und Eiern, eine natürliche Holzbibliothek, zwei schön gefaßte Menschenskelette, und einen nach Galls System bezeichneten menschlichen Schädel.
Die Säle des zweiten Stockwerkes, auf dessen Treppenabsatz man der Statue des Tycho de Brahe, mit dem Planeten-Systeme, begegnet, sind bereits mit Kunstgegenständen gefüllet. Ein Gemach ist mit mehr als 150 Gemählden behangen, und mit Hohlspiegeln, mit einer camera obscura u. a. bestellet. Nach diesem gelangt man zu den mechanischen und physikalischen Sammlungen, und hier findest Du in drei Abteilungen das ganze Gebäude herum, fast alle wichtigen und merkwürdigen, ältern sowohl als neuern Maschinen, Modelle und Werkzeuge, der Naturlehre, der Mechanik, Wasser und Luftmeßung, der Farbenlehre, der Chemie, Electrizität, des Galvanismus und Magnetismus, nebst einem Wasser-Barometer von 32 Fuß Höhe. Dieses Wundergebäude wird unterdessen immer ätherischer.
Sein drittes Stockwerk enthält in drei Zimmern, gegen die Morgen- Mittag- und Abendseite, die reitzende Wohnung des Astronomen. Wer uns das Himmlische näher bringen will, muß ihm erst selbst näher wohnen. Alles ist hier bequem eingerichtet und heiter, und der nöthige gelehrte Hausrath reichlich zu Handen. Die Wände sind mit Bodes schönen Himmelskarten behangen, mathematische Uhren und Instrumente aufgestellt, und eine auserlesene Bibliothek bietet alle vorzüglichen sternkundigen Werke, nebst den neuesten Zeitschriften dar. Man findet hier die Memoiren der Pariser und Petersburger Akademien, neben den Ephemeriden von Berlin, Paris, Wien und Bologna. Indeß wird Dich hier, mein Geliebter! noch eine Seltenheit ganz anderer Art zu freudiger Bewunderung hinreißen. Und welche ist diese? Ich meine den Astronomen. Es ist ein Stiftsgeistlicher, und führet den Namen Bonifaz Schwarzenbrunner. Ich weiß es, ich würde ihm keinen Dienst thun, wenn ich versuchen wollte ihn zu loben; aber kaum wird Dich ein Mann verehrungswürdiger ansprechen als dieser. Noch in Mitte der schönern Jahre, ist er eben so dienstfertig, als liebenswürdig im Umgange, und ganz in seiner überirdischen Wissenschaft lebend und webend, in ihre Geheimniße vollkommen eingeweiht. Sein Name ist der Welt unbekannt, und weder pomphafte Bekanntmachungen, noch die Ruhmredigkeit leichter Tagesblätter verkünden sein Lob; indeßen stehet er mit den ersten Sternwarten unseres Welttheiles im Verkehre. In der Stille seinem Gotte zu leben, und seine herrliche Wissenschaft, welche so reich ist an erhabenen Betrachtungen und an Sehnsucht zu fördern, genüget ihm. (Dieses war lange schon niedergeschrieben, als uns die Nachricht zukam, daß dieser vortreffliche Mann durch schnellen Tod dahin gerafft worden ist. Ich bedaure in aufrichtiger Theilnahme die Abtei sowohl, als die Wissenschaft, ob ich gleich ihn selbst nicht betrauern kann. Er ist jetzt jenen besseren Sternen näher, zu welchen wohl in manchen stillen Nächten, sein Herz voll unaussprechlicher Sehnsucht emporschaute, weil es in ihnen Denjenigen suchte, der sie gemacht hat.)
Außer der Wohnung des Astronomen, verwahret dieses Stockwerk in einem Saale noch eine sehr ansehnliche, und schön aufgestellte Mineralien-Sammlung; nebst einer Reihe verschiedener Kunstarbeiten aus Wachs, Metall, Glas, Stein, Holz und Elfenbein. Unter diesen zeichnet sich ein großer Altar von Ebenholz, und mit Elfenbein eingelegt, vorzüglich aus. Mit der schönen Bildsäule des berühmten Kepplers, welcher einst obderensischer Landschafts-Mathematiker war, schließet die bisherige Doppelstiege, und eine Wendeltreppe trägt uns in das vierte Stockwerk empor.
Wir befinden uns in der Gemählde-Gallerie. Hier wird Dich sowohl der veränderte Bau, als der reiche Inhalt, mit neuer Bewunderung erfüllen. Der ganze innere Raum bildet da einen einzigen, prächtigen Saal, welcher drei Klafter hoch durch zwanzig Fenster von allen Seiten beleuchtet wird. Sein Plafond ist mit künstlichen Stuccaturen geschmücket, und vier mächtige Pfeiler, in denen die Wendeltreppe nebst dem astronomischen Brunnen hinauflaufen, nehmen seine Mitte ein. Unter den Gemählden selbst, deren Zahl hier gegen fünfhalbhundert betragen soll, sind Werke der berühmtesten Meister enthalten. Man findet da Rubens, von Eyk, Lukas von Leyden, Rempp, Breugel, Schwarz, Holbein, Rosa de Tivoli, Salvator Rosa, Rugendas, Kordova, Hamilton etc.; Stücke der florentinischen, römischen, und altdeutschen Schule, und viele andere. Die schöne Ordnung, in welcher die Bilder aufgestellt sind, erhöhet noch den Eindruck des Ganzen.
Das fünfte Stockwerk bietet abermal einen neue Gestalt dar. Es bestehet aus einem weiten Gewölbe, welches durch einen großen Bogen in zwei Hälften geschieden wird. Merkwürdig ist hier ein Schallgewölbe, dann in einem Kabinette ein herrlicher Meridian-Kreis, ein kaiserliches Geschenk, nebst einer astronomischen Uhr von dem dänischen Künstler Urb. Jürgensen. Eine beträchtliche Menge Alterthümer aller Art, Gemählde, Schnitzwerke, Wehren, Holzbilder, ein Sessel aus den Gebeinen eines Elephanten, türkische Waffen und Kleidungsstücke aus den Schlachten von 1683, sind die übrigen Sehenswürdigkeiten dieses Saales.
Wir besteigen nun das sechste Stockwerk, und mit diesem erst die eigentliche Sternwarte. Ein großer mit Marmor gepflasterter Saal, zwei Stockwerke hoch und zuunter durch hohe, oben aber durch eirunde Fenster erhellet, bildet den innern Raum dieses Stockes. Die beiden Flügel-Gebäude sind niedergesunken und ihre Plattform gestaltet sich, gegen Süden und Norden zu zwei weiten, herrlichen Altanen. Hohe Doppelthüren führen auf dieselben; gegen Außen sind sie mittels Geländer gesichert, und deren Ecken durch steinerne Gebilde bewachet.
Das Innere dieses Stockwerkes ist nun in reichem Maße mit allen Vorkehrungen und Hilfsmittel zur Beobachtung des gestirnten Himmels bestellet. Ich erwähne hier unter den Instrumenten und Sehröhren blos zwei große Mauerquadranten, zu beiden Seiten der gezogenen Mittagslinie, mehrere Sextanten, worunter ein hadleyischer ist, einen reichenbachischen Vollkreis, einen Theodolid, ein nevtonianisches Teleskop, einen frauenhofer'schen Achromat, einen Kometensucher, mehrere Chronometers von Paris, Wien und Linz, nebst zwei großen Himmelskugeln und einer astronomischen Uhr von Fertbauer. Doch die Krone sowohl als den Stolz dieser vortrefflichen Samlung, machen die Geschenke des glorreichst regierenden Kaisers aus.
Von nun an zieht sich das Thurmgebäude mehr zusammen, und verenget sich im siebenten oder achten Stockwerke in ein einziges geräumiges Zimmer. Dieses enthält indessen noch zwei kleinere Ärker, in denen ein Meßkapelle und eine Sakristei eingerichtet sind. Durch zwei Thüren tritt man hier abermal auf zwei Altanen, welche nicht mehr so weit wie die erwähnten untern, in entgegengesetzter Lage angebracht sind, und mit zierlichen Eisengittern umfangen. Welch ein Standpunkt, o Freund! Welche Aussicht! Was soll ich damit vergleichen? Das trunkene Auge wirft sich mit einer Art Schwärmerei in diese entzückende Landschaft. Die prächtige Abtei mit ihren Gärten und Kunstanlagen, und der Markt mit dem lieblichen Kremsthale, breiten sich unter Deinen Füßen hin. Von Mittag her grüßen Dich die nahen, duftigen Riesenalpen, und eilet dann der Blick über die benachbarten Schlößer Kremseck und Achleiten, an den Bergen abwärts gegen Aufgang, so verliert er sich in ein Gewoge grüner Hügel ohne Grenzen; indessen er über Linz hin, jenseits der Donau an die Rücken der böhmischen Gebirge schweifet. Nur gegen Mitternacht und Abend ist der Sehkreis durch die nahen Höhen begrenzet, aber sie sind nur da, um die südliche Milde dieses Thales gegen die Anfälle der rauhen Winde zu schirmen. Und wenn hier der Tag schon solchen zauberischen Anblick darbietet, welch ein Schauspiel muß es erst gewähren, auf diesen Zinnen eine milde, sternenhelle Nacht mit ihren großen, wundervollen Bildern, über den Gebirgen vorüberzieh'n zu seh'n!
Und jetzt nur noch wenige Stufen, und wir haben die letzte Höhe dieses Prachtgebäudes erstiegen. Es endet in eine unbedeckte Fläche oder Plattform. Auf den vier Ecken sind vier Thürmchen erbaut, in deren Ärkern sich ein Regenmaß, verschiedenes astronomisches Geräthe, das Stiegenhaus und die umgitterte Öffnung des astronomischen Brunnens, durch welchen man aus der Tiefe, selbst bei hellem Tage, die Sterne erblicket, befindet. Zu diesen Thürmchen kommt auf der Rückseite stehend, noch ein Rundgebäude, worin eine Uhr nebst einem feststehenden Azimuthal-Quadranten, angebracht sind. Ein Runddach mittels Triebwerk beweglich, schließet dasselbe.

Dieses ist die berühmte Sternwarte, der berühmten Abtei Kremsmünster. Wir haben in diesem Thurme einen halben Tag zugebracht und ihn voll von Bewunderung verlassen; aber ich glaube, daß eine Woche kaum zureichen würde, um alles Merkwürdige, das er in sich schließet, zu beschauen. Niemand mag übrigens berechnen, welche Vortheile er der Wissenschaft sowohl, als der Jugend – und selbst der Volksbildung bringet. Zwar sind seine Sammlungen weder so reich noch so schimmernd wie die der Hauptstädte, aber sie stehen dafür Jedermann, auch dem einfachen Landmanne offen, und man hat nicht nöthig eine Reise in die Hauptstadt zu thun, um ein seltenes Thier, oder einen Sonnenflecken zu sehen. Man lernet hier, indem man sieht, und die gewonnenen Kenntniße pflanzen sich durch zahllose Anregungen wie von selbst, unbemerkt und ohne Anstrengung unter dem Volke fort. Lebe wohl!


Quellen und Literatur:

Gedenkbuch der Sternwarte Kremsmünster Band 3, Archiv der Sternwarte Kremsmünster

KRAML, P. Amand 2008: 250 Jahre Sternwarte Kremsmünster, in: Öffentliches Stiftsgymnasium Kremsmünster 151. Jahresbericht, 33-83, Thalheim

Zarbl, J. B. 1831: Erinnerungen aus einer Reise, Regensburg


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Letzte Änderung 2015-05-23