Die Sammlungen der Sternwarte Kremsmünster

Sieben Objekte als Spiegel der Sammlungsgeschichte zwischen Kuriositätenkammer und Museum eines Museums

von Mag. P. Amand Kraml, Direktor der Sternwarte Kremsmünster



Inhalt

Einleitung
Objekt 1: Türkischer Kaftan
Objekt 2: Porträt des Ludwig von Hack zu Lerchenreuth
Objekt 3: Illinger-Quadrant 1777
Objekt 4: Barograph nach Kreil
Objekt 5: Stopfpräparat eines Schuhschnabels
Objekt 6: Buch aus der Sternwartebibliothek
Objekt 7: Herbarbeleg von Erechtites hieraciifolia
Literatur


Die Sternwarte Kremsmünster in ihrer Gesamtheit zu erfassen gelingt nur dem Besucher, und das, wie sich leicht versteht, nur im recht eingeschränkten Maße. Eine Beschreibung ist immer nur vehiculum. Auf welchen Rädern dieses Vehikel rollt, kann recht verschieden sein. Mehrmals ist versucht worden, die Geschichte der Kremsmünsterer Sternwarte an Hand von Köpfen zu vermitteln, nämlich den Köpfen der Direktoren und Kustoden. Hier wird der Versuch gemacht, die Gesamtheit Sternwarte in sieben eigentlich recht unscheinbaren Objekten zu spiegeln. Es gibt keinen Sternwartebesucher, der alle sieben Objekte bereits gesehen hätte und damit sagen könnte: "Alles schon bekannt." Die Zahl sieben ist nicht gewählt, weil die Sternwarte sieben Stockwerke hätte, nicht um auf das Heptahemeron zu verweisen, nicht weil sie die Zahl des Universums ist, sondern weil von jedem etwas stimmt und für den Naturwissenschafter Zahlen ohnedies nur Zahlen sind, denen keinerlei zusätzliche Bedeutung innewohnt.

Museen werden vielfach als Leichenhäuser der Wissenschaft bezeichnet. Oft sind sie leider nicht einmal das. Den ausgewählten sieben Objekten soll hiemit Leben eingehaucht werden, indem sie mit Personen verknüpft werden, die uns ihre Spuren hinterlassen haben.


Objekt 1: Türkischer Kaftan

Kaftan Türkischer Kaftan aus Seide, blau-weiß gestreift, lange Ärmel, kleiner Kragen. Der Verschluß besteht aus kleinen Kugelknöpfen, die mit Metallfäden umsponnen sind, Länge 135 cm, Oberweite 78 cm, Inv. Nr.: Anthrop. Kabinett 2520.

Das fünfte Stockwerk der Sternwarte hat eine eigentümliche Geschichte. Vorerst war es in der jetzigen Form gar nicht geplant. In der Nacht des 23. Mai 1755, als der waghalsige Bau schon recht beträchtlich gediehen war, stürzte auf der Hofgartenseite ein Teil des Bauwerkes ein. Das war Wasser auf die Mühlen aller Gegner der Errichtung eines Mathematischen Turmes im Stift Kremsmünster. Abt Alexander Fixlmillner (1686 - 1759) aber, der der oberste Bauherr dieses "Stöffel im Eck" war, blieb vom Einsturz ungerührt. In seiner positiven Denkart wußte er auch gleich eine Erklärung, die eine sofortige Fortsetzung der Bautätigkeit förderte. Er meinte nämlich, der Einsturz sei dem Gebet der armen Arbeiter zu verdanken, die damit eine Verlängerung ihrer Anstellung beim Bau erbetet hätten. Als Maßnahme gegen die Mängel in der Ausführung wurde das fünfte Stockwerk in der heutigen Form mit dem festen Gewölbe, als stabiler Unterbau für den astronomischen Beobachtungssaal, eingefügt.

Bei der Einrichtung der Sternwarte hat man nun hier ein Conclave Turcicum untergebracht, eine Sammlung von türkischen Objekten, die auf die Turkomanie des Barock zurückgeht. Erenbert II Schrevogel (1634-1703), der fast alle diese Erwerbungen getätigt hat, war ein echter Barockprälat. Bei seiner enormen Sammeltätigkeit scheint er ein ausgeprägtes Interesse an türkischen Objekten gehabt zu haben. Mehrere unserer Stiftsangestellten besorgten zwischen 1683 und 1696 immer wieder Objekte aus der Türkenbeute in Wien und Budapest. Ein besonders eifriger Einkäufer war der Lust- und Ziergärtner Jakob Giglinger. Wohl jede bedeutendere Herrschaft im Habsburgerreich hatte damals in ihrem Kuriositätenkabinett ein paar Beutestücke vom "Erzfeind aller Gläubigen", die als Zeichen des Sieges gesammelt und aufgestellt wurden. Bei uns sind in dieser Zeit die Turcica aber sogar lebendig. Nicht nur daß man Tiere - so zum Beispiel mehrere Kamele - herbeischafft, auf Bitte von Kardinal Leopold Graf von Kolloniz nimmt Abt Erenbert auch einige getaufte türkische Buben im Stift auf, sorgt für ihre Ausbildung und gibt ihnen Arbeit. Der Größe nach könnte unser Kaftan von einem dieser Knaben stammen. Der Prälat stattete die Abtei mit allem, was zum Zweck der prunkvollen Repräsentation notwendig war, aus. Dabei ist gerade in dieser Zeit die Differenzierung zwischen prunkschloßartiger Prälatur und dem Klausurbereich der Konventualen auffällig. So ist Träger des stiftlichen Museums im heutigen Sinn vorerst der Abt. Erst später entwickelt sich im Kontrast zu den pompösen äbtlichen Sammlungen das museum fratrum. Wobei das eine eher als theatrum mundi, das andere als ein theatrum naturae verstanden werden könnte.

Nach der Einrichtung der Sternwarte umfaßte der Katalog der Türken-Sammlung 423 Nummern. Darunter Bücher, Gebrauchsgegenstände, wie Hausrat, Zaumzeug, Schmuck und Edelmetalle, Textilien, Waffen und sogar Zelte. Von den 10 Kaftanen, die hier ausgestellt waren, ist in der Sternwarte nur mehr dieser eine, der wohl dürftigste, erhalten geblieben. Die barocke Sammlung im Conclave Turcicum paßte schon bald nicht mehr ins Konzept der immer mehr rein naturwissenschaftlichen Kabinette. Auch war es an Raum für die astronomischen Beobachtungen knapp geworden. Im östlichen Nebenraum stellte P. Bonifaz Schwarzenbrunner (1790 - 1830) 1828 den neuen, vom k.k. polytechnischen Institut gefertigten Meridiankreis auf. Für die Errichtung des Schloßes Laxenburg bei Wien wurde ein großer Teil der Türkensammlung zur Verfügung gestellt. Um das Jahr 1850 wurde das Conclave Turcicum dann ganz aufgelöst. Ein Teil der verbliebenen Sammlungsstücke paßte gut zur Waffenkammer und in die Kunstsammlung. So war lange Zeit der türkische Grabstein aus einem Friedhof in Ofen, der 1687 per Schiff nach Wien transportiert wurde und bei uns im Erdgeschoß eingemauert ist, der einzige Zeuge der Turcica, den die Besucher der Sternwarte zu Gesicht bekamen. Erst wieder bei der Neuaufstellung zum Stiftsjubiläum 1977 paßten die paar übriggebliebenen Objekte der ehemaligen Türkensammlung - darunter unser Kaftan - ins Konzept des Anthropologischen Kabinetts im fünften Stock der Sternwarte. Nun waren aus den einstigen "Kriegstrophäen" museologische Museumsgegenstände, Dokumente der Geschichte des Sammelns und unserer Sammlungen geworden.


Objekt 2: Porträt des Ludwig Anton Bartholomäus Josef Franz von Hack zu Lerchenreuth

Detail hier klicken Ölbild von Maria Anna Katharina Gürtler geb.Morzer aus Steyr gemalt 1778, Ritterakademikerporträt Nr.195.

Der porträtierte Schüler der Ritterakademie wurde am 24. August 1756 in der Stadtpfarre Wels getauft, trat am 1. Jänner 1778 in den Reigen, den sein Vater (Bild Nr.4) einst eröffnet und sein Bruder (Bild Nr. 153) eben verlassen hatte. Er studierte zwei Jahre Jus, verband sich 1794 mit Josefa von Gapp, wurde Raitoffizier bei der k.k. Kameralbuchhaltung in Linz und starb daselbst am 2. September 1806. Im Porträt legt sich der zwanzigjährige Jurist eine Schmetterlingsammlung an, wobei ihm das Buch "Natur System" als Führer dient.

Über 240 ovale Porträts, das Modejournal eines halben Jahrhunderts, zieren die Wände des Stiegenhauses und der unteren Kabinette unserer Sternwarte. Es sind die Bilder der Schüler der Ritterakademie, die sich dazu verpflichten mußten, ihrer Schule ein Andenken in Form eines Ölbildes zu hinterlassen. Diese Ritterakademie wurde vom Stift Kremsmünster 1743 - 1789 neben den anderen Schulen geführt. Gerade die Schulen und vor allem die weltoffene Ritterakademie haben entscheidenden Einfluß auf die Errichtung der Sternwarte. Wohl waren schon in der Barockzeit Patres des Konvents an Naturwissenschaften interessiert - P. Ägid Eberhard von Raitenau (1605 - 1675) ist dafür ein gutes Beispiel - doch zu einer Institutionalisierung der naturwissenschaftlichen Forschung und Lehre kam es eigentlich erst durch den Bedarf an der Ritterakademie. Was zuerst Steckenpferd einzelner war, wurde jetzt zur Profession. Die Ritterakademie hatte in dem Benediktiner P. Anselm Desing (1699 - 1772) aus dem Kloster Ensdorf in Bayern, der sich in Salzburg mit unseren Patres anfreundete, ihren Motor. Er erstellte das ideelle und pädagogische Konzept, er vermittelte Lehrer, schrieb Lehrbücher, sorgte für das Museum und entwarf nicht zuletzt die Pläne für den Bau einer Sternwarte.

Es war eine neue Zeit. Die Philosophie von Leibniz und Wolff mit ihrem Blick auf die Natur verdrängte auch in den Klöstern und eigentlich gerade da die mittelalterliche Scholastik. Die Benediktineruniversität in Salzburg war für die neuen Ideen der rechte Nährboden. Viele Kremsmünsterer Konventualen sind durch diese Schule gegangen und als Lehrer dort im Einsatz. Aber auch in der Leitung des Stiftes ist ein bedeutender Wandel eingetreten. Vorbei war die Zeit der Barockprälaten. Der Konvent wählte sich am 8. 11. 1731 den äußerst bescheidenen und sozial denkenden Alexander III Fixlmillner zum Abt. Nicht im Prunk von Gebäuden und Kunstgegenständen sucht man Bedeutung zu erlangen, sondern in der geistigen, wissenschaftlichen und geistlichen Bildung und Erziehung der Menschen im Sinne der Aufklärung. So wird auch das Sammeln betrieben im Hinblick auf den Unterricht. Das museum fratrum wird nun Physikalischer Salon mit den entsprechenden Geräten zur Demonstration der Naturerscheinungen. Ein eigener Kustos, P. Eugen Dobler (1713-1796) aus Irsee (Schwaben), wird auf Vorschlag von P. Anselm Desing angestellt. Er versteht sich auf die Verarbeitung von Messing, auf das Ausstopfen von Vögeln, auf astronomische Beobachtungen und ist somit der geeignete Mann für das neue Fach Experimentalphilosophie.

Was der junge Adelige an praktischem Wissen durch eine Kavalierstour sammeln konnte, das sollte ihm auch Kremsmünster bieten. Und im Anschauungsmaterial aus den Naturwissenschaften war Kremsmünster bestrebt, mit den großen Sammlungen in Europa durchaus Schritt zu halten.

Bei der Berufung verschiedener weltlicher Lehrer hat man zum Teil recht interessante Leute erwischt. Für Geschichte wurde der spätere erste Germanistikprofessor der Wiener Universität Johann Sigmund Valentin Popowitsch (1705 - 1774) angestellt. Er hatte auch hier das Pech, nicht in seinem Lieblingsfach, der Botanik, Lehrer sein zu können. Sobald er seine Lehrtätigkeit an der Ritterakademie aufgegeben hat, beschäftigt ihn fast ein Jahr lang die Pilzflora von Kremsmünster und seiner Umgebung. Popowitsch setzt sich in seiner kämpferischen Art auch recht kritisch mit einem Zeitgenossen auseinander, dessen Arbeiten für die Entwicklung der biologischen Fächer von entscheidender Bedeutung wurden. Dieser ist der Autor des Buches, das dem jungen Herrn von Hack als Ordnungsschlüssel für seine Schmetterlingssammlung dient. Es trägt die Aufschrift "Natur System" und ist die erste deutsche Übersetzung von Linnés Systema naturae (bereits 12. Auflage). Die Bedeutung Carl von Linnés (1707 - 1778) war für die ordnende Systematik enorm. Alle Sammlungen der europäischen Kulturwelt bekamen einen gewaltigen Aufschwung und kräftige Impulse neu verstandener Sammeltätigkeit. Endlich hatte man ein gemeinsames, wenn auch nicht unumstrittenes, so doch letztlich von allen akzeptiertes Ordnungsprinzip in der Hand. Dieser Aufschwung in der biologischen Sammeltätigkeit ist auch hier nicht vorübergegangen. Wir finden an der Ritterakademie und in der Sternwarte, die ja nun nach der Übersiedlung des museum fratrum in ihren Räumlichkeiten genügend Platz auch für das systematische Sammeln von biologischen Objekten bot, Ergebnisse dieser kurzweiligen Beschäftigung. Daß dabei natürlich neben der scientia amabilis, der Botanik, das Sammeln von bunten Schmetterlingen einen besonderen Reiz bot, zeigt unser Bild. Dem selben Hobby widmen sich noch andere Ritterakademiker, und auch P. Laurenz Doberschiz (1734 - 1799) scheint besonderen Gefallen an der farbenprächtigen Tiergruppe zu finden. Die herrlichen Abbildungen in seiner Beschreibung der Sternwarte geben davon Zeugnis.


Objekt 3: Illinger-Quadrant 1777

Detail hier klicken Azimutalquadrant von J. B. Illinger nach dem Vorbild des Branderischen Azimutalquadranten von 1754 in Kremsmünster angefertigt. Die Skala des Viertelkreisbogens, horizontaler Kreis und Fernrohr mit Fadenmikrometer aus Messing, das versteifende Gitterwerk aus Stahl, mit Stahlzapfen am Holzstativ montiert. Höhe des dreibeinigen Stativs 150 cm, Durchmesser des horizontalen Kreises 41 cm, Radius des Quadrantenteilkreises 2 1/2 Schuh (70 cm), Länge des Fernrohres 4 Schuh (128 cm). Das Instrument trägt auf einer Messingplatte im Zentrum des Viertelbogens das Kremsmünsterer Wappen und das Wappen des Abtes Erenbert Meyer mit der Umschrift "ERENBERTVS AB BAS CREMIFANEN. AN NO MDCC LXXVII" und auf der Rückseite "J. B. Illinger fecit". In der Ausstellung ist der Azimutalquadrant mit der Nr. 5 gekennzeichnet und als "Fixlmüller'scher Quadrant, 1777" bezeichnet. Diese Bezeichnung rührt von der Verwechslung unseres Objekts mit dem hängenden Azimutalquadranten auf vierbeinigem Stativ von 1767, der nicht mehr erhalten ist, dessen Beschreibung aber immer wieder fälschlicherweise dem Illinger-Quadranten von 1777 unterschoben wird.

Der Mathematische Hansl, bürgerlichen Namens Johann Baptist Illinger, wurde am 9. Mai 1724 in Kremsmünster geboren und arbeitete zuerst als Zimmermann im Stift. Durch P. Eugen Dobler, den Kustos der Mathematischen Stube im museum fratrum, wurde er für die Messingbearbeitung ausgebildet, stieg unter dem ersten Direktor des Mathematischen Turmes P. Plazidus Fixlmillner (1721 - 1791) zum Mechaniker der Sternwarte auf und wurde von diesem auch als tüchtiger Beobachter gelobt. Am 1. Dezember 1800 starb Illinger. Sein Bild, im selben Format wie das des Abtes Alexander Fixlmillner, ist im Kapellenzimmer ausgestellt. Es zeigt den Mechaniker bei der Teilung der Cadranscheibe eines Fadenmikrometers. Der Mathematische Hansl könnte fast als ruhender Pol unter den lebenden Sternen des Observatoriums bezeichnet werden. Begonnen hat er seine Tätigkeit noch außerhalb der Sternwarte unter P. Eugen Dobler, dann erlebte er die Höhepunkte der astronomischen Forschung unter P. Plazidus Fixlmillner. Seine Beerdigung hielt P. Thaddäus Derflinger (1748 - 1824), Fixlmillners Nachfolger. Viele Geräte, die Illinger gebaut hat, sind nicht mehr erhalten. Die Entwicklung am astronomischen Instrumentarium ist bis zur heutigen Zeit enorm. Unser Azimutalquadrant fand wahrscheinlich nicht in der Sternwarte Verwendung. Vielleicht war er ein Prunkstück für die Abtei. Ein zweiter Azimutalquadrant, ebenfalls von Illinger ein Jahr früher gefertigt, ging nach Lambach. Die Benediktiner von Lambach konnten aber offensichtlich aus der Modeerscheinung Astronomie keine dauernde und ernstzunehmende wissenschaftliche Arbeit machen. Eine dauernde, wie wir heute sehen, ist auch uns nicht gelungen. Der Lambacher Quadrant wurde nebst der übrigen astronomischen Einrichtung 1864 von Lambach zurückgekauft.

Die Beschäftigung mit der Astronomie in Kremsmünster hat aber immerhin soviel Bedeutung erlangt, daß aus dem "Mathematischen Turm", den man 1748 bis 1758 errichtet hatte, bald "die Sternwarte" wurde. Das Instrumentarium, das schon in Ansätzen - beschafft von Dobler und Desing - vorhanden war, wurde in das große Observatorium im 6. Stockwerk des Turmes gebracht. Darunter befand sich auch bereits das Vorbild unseres Objektes, der Quadrant des berühmten Augsburger Instrumentenbauers Georg Friedrich Brander (1713-1783). Zusammen mit den neu angeschafften, gefertigten und zum Teil in eigener Werkstätte verbesserten Instrumenten besaß nun der erste Direktor der Sternwarte und zugleich Regens der Ritterakademie, P. Plazidus Fixlmillner, das Werkzeug, in Beobachtungen von Fixsternen und Sternbedeckungen, von Sonnenflecken, Kometen und Planeten - darunter der neu entdeckte Uranus - mit den besten Observatorien seiner Zeit zu wetteifern und sich seine bekannten Lorbeeren in der Astronomie zu verdienen.

Unter P. Thaddäus Derflinger tritt ein neuer Aspekt der astronomischen Arbeit hinzu. Er beteiligt sich an den Ortsbestimmungen, die nun vielerorts in der Monarchie vorgenommen wurden. In seine Amtszeit fällt auch die Bestimmung Kremsmünsters zum Koordinatenursprungspunkt für Böhmen, Oberösterreich und Salzburg. Sein Nachfolger, P. Bonifaz Schwarzenbrunner (1790 - 1830), ausgezeichnet durch enorme Intelligenz und unerschöpflichen Arbeitseifer in den verschiedensten wissenschaftlichen Bereichen, hatte das Glück, durch die Güte Kaiser Franz I. neues Instrumentarium von ausgezeichneter Qualität zu erhalten, die Sternwarte aber das Pech, Schwarzenbrunner bereits nach sechs Jahren seiner Tätigkeit durch seinen frühen Tod zu verlieren.

Der neue Meridiankreis vom k.k. Polytechnischen Institut wurde, wie schon oben erwähnt, im fünften Stockwerk unter der Ostaltane aufgebaut. So verlor nun der große Observatoriumsraum seine Bedeutung für die astronomische Arbeit. Unter P. Marian Koller (1792 - 1866), dem nächsten Sternwartedirektor, wurde hier eine Vorrichtung zur Messung des Erdmagnetismus aufgestellt. Neue Interessen sind hinzugekommen. Der Blick der Kremsmünsterer Naturwissenschafter richtet sich von da an auf Phänomene, deren Beobachtung noch mehr an Zahlenmaterial liefert, als das schon die Astronomie tat. Das allmähliche Zurücktreten der Astronomie hinter die Meteorologie wird vielleicht auch verständlich, wenn man die Äußerung Schwarzenbrunners gegenüber Schumacher (1826) liest, wo er schreibt, "daß wir in Kremsmünster nach einem 10jährigen Durchschnitte jährlich nur etwa auf 33 ganz heitere und wolkenfreie Tage rechnen dürfen. Für Astronomen eben keine zu bedeutende Anzahl".


Objekt 4: Barograph nach Kreil

Barograph Autograph mit Quecksilberbarometer, ein Schwimmer auf dem unteren Ende der Quecksilbersäule überträgt die Luftdruckänderungen auf einen Zeiger mit Schreibstift. Ein kleines federgetriebenes Pendeluhrwerk betreibt den zeitlichen Vorschub einer Messingtafel, auf der das Registrierpapier aufgespannt ist. Laufzeit pro Papierstreifen 24 Stunden. Alle fünf Minuten wird über einen Hebelmechanismus der Stift vom Papier gehoben, das ermöglicht das Nachstellen des Schwimmers auf dem Quecksilber. Holzkasten mit Glaswänden, Messinggestell, Uhrwerk mit Pendel, Federwerk und Porzellanzifferblatt. Pläne von Karl Kreil, ausgefertigt von P. Gruber, Wien. In Kremsmünster aufgestellt im August 1862, noch voll funktionsfähig.

"Mit dem Himmel habe ich nichts angefangen, die Instrumente und ihre Aufstellung ist zu schlecht. Aus der Wiener Zeitung habe ich mit Vergnügen gesehen, daß Sie den neuen Komet fleißig beobachtet haben. Die Angelegenheit unserer neuen Sternwarte ist noch in sanftem Schlummer. Die Sterne gehen auch so ihren gemessenen Gang fort, und ich behelfe mich mit der Magnetnadel". Das schreibt der Direktor der Prager Sternwarte Karl Kreil am 23. April 1840 an seinen Kremsmünsterer Freund P. Marian Koller, den Direktor jener Institution, die Kreil bereits im Knabenalter das Interesse für die Beobachtung von Naturerscheinungen eingepflanzt hatte. Karl Kreil ist am 4. November 1798 in Ried im Innkreis geboren, besucht zwischen 1811 und 1819 bei uns das Gymnasium, wendet sich dann der Astronomie zu, wird Eleve und Adjunkt an der Sternwarte in Mailand und schließlich 1839 Direktor der Sternwarte in Prag. Die Astronomen der damaligen Zeit haben sich neben der Beobachtung des gestirnten Himmels auch der des Erdmagnetismus und der Erscheinungen in der Atmosphäre verschrieben. Kreil hat sich schon in Mailand einen Namen mit seinen magnetometrischen Messungen gemacht und auch Koller für diesen erfolgversprechenden neuen Forschungszweig begeistert. Ein umfangreicher Briefwechsel zeigt das.

P. Marian Koller wird 1847 zum k.k Regierungsrat ernannt und in die k.k. Studien-Hofkommission, das nachmalige Ministerium für Cultus und Unterricht, nach Wien berufen. In dieser Position ist er auch beteiligt an der Gründung der Magnetisch-meteorologischen Anstalt, der heutigen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, und an der Berufung Karl Kreils als deren erster Direktor. Am 21. Dezember 1862 stirbt Karl Kreil. Seine Klimatologie Böhmens wird von P. Marian Koller postum herausgegeben. Daß Kreils Nachfolger als Direktor der Zentralanstalt, Julius Hann (1839 - 1921), und ebenso Vicedirektor Ferdinand Osnaghi (1835 - 1891) Absolventen des Kremsmünsterer Gymnasiums waren, muß nicht unbedingt mit trüber Freunderlwirtschaft erklärt werden. Die Geschichte unserer meteorologischen Station und ihre Bedeutung bis zum heutigen Tag zeigen wohl auch andere Erklärungsmöglichkeiten.

Bereits aus der Hand des ersten Sternwartedirektors, P. Plazidus Fixlmillner, stammen die ersten erhaltenen Wetteraufzeichnungen vom 28. Dezember 1762, in lateinischer Sprache geschrieben. Ab 31. Mai 1763 wird der Sternwartemechaniker J. B. Illinger mit der Beobachtung von Thermometer und Barometer betraut. Er führt die Wetterchronik deutsch. Ablesetermin gibt es einen und zwar "um Mittag". P. Thaddäus Derflinger beteiligt sich an den von der königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin ausgeschriebenen "correspondierenden meteorologischen Beobachtungen" vom 18. bis zum 21. Juli 1823. Unter P. Marian Koller boomt dann die Beobachtungstätigkeit an den atmosphärischen Veränderungen geradezu. Er setzt 10 Beobachtungstermine fest und vermehrt die erfaßten Elemente. Durch den Einsatz von Autographen sind nun Meßwerte rund um die Uhr zur Verfügung, und 1847 werden die ersten systematischen Veröffentlichungen der langjährigen Beobachtungen gemacht. Hier scheint sich für Galileo Galileis Grundsatz - messen, was meßbar ist und meßbarmachen, was nicht meßbar ist - ein neues Anwendungsfeld zu eröffnen.

Im Jahr 1850 findet Christian Friedrich Schönbein in Basel eine Möglichkeit, die Konzentration des Ozons in der Luft zu messen. Schon 1854 ist P. Augustin Reslhuber (1808 - 1875), Kollers Nachfolger und späterer Abt, in der Lage, der k.k. Akademie der Wissenschaften einen Bericht über die vom September 1853 bis Oktober 1854 auf der Sternwarte zu Kremsmünster angestellten Ozon-Beobachtungen zu überreichen. Bis im Jahre 1911 das Indikatorpapier ausgeht, ist eine komplette Meßreihe erhalten.

Zu diesen Messungen kamen dann Schritt für Schritt weitere Aufzeichnungen, so zum Beispiel über den Gang der Luftelektrizität und bis zum heutigen Tag über die Bewegungen der Erdkruste mit Hilfe eines Seismographen. Seit 1987 ist unsere Wetterstation verknüpft in ein österreichweites Datennetz mit elektronischer Datenerfassung. Trotz Elektronik ist aber der Arbeitsaufwand, der heute von den Mitarbeitern der Sternwarte in der Meteorologie geleistet wird, nicht unbedeutend. Wieviel dem Benediktinerstift Kremsmünster die Weiterführung dieser einzigartigen historischen Meßreihe wert ist, weist dem Eingeweihten ein Blick in die Klosterbilanz.


Objekt 5: Stopfpräparat eines Schuhschnabels

Balaeniceps Balaeniceps rex (Balaenicipitidae), Weibchen, 150 cm großer Wasservogel mit grauem Gefieder und riesigem Schnabel, der wie ein Boot oder ein Schuh aussieht, sehr lokaler und seltener Bewohner von Papyrus-Sümpfen im Sudan. Legit: Dr. August Genczik 1857, Sudan, Präparat: Gesamthöhe 115 cm, stark ausgebleicht. Zoolog. Kabinett Inv. Nr. 86061229.

"...ich bitte den Herren in Kremsmünster sagen zu lassen, sie kriegen auch einen Balaeniceps, denn ich erhalte sicher ein oder zwei Paare vom Abiad, die werden eine Freude darüber haben und ich nicht minder, da sie herrliche Fischwasserln haben." Das ist einem Brief, den Dr. August Genczik an Felix von Pausinger (1823 - 1893), seinen Freund und Gönner auf Kogl bei St. Georgen im Attergau, am 18. Juli 1856 schrieb, entnommen. Zu dieser Zeit ist Genczik Kanzler beim Chartumer Konsulat.

Dr. August Genczik, Ritter von Geczowa, wurde am 5. Oktober 1810 in Linz geboren, am 27. April 1864 starb er als Gast in unserem Hause. Dazwischen liegt das Leben eines reiselustigen Arztes, der schon vor dem Abschluß seines Medizinstudiums in Erlangen (1846) halb Europa bereist hatte, in die Türkei und nach Ostindien kam und sich schließlich 1849 entschloß, einen kranken englischen Kavalier als Gesellschafter und ärztlicher Ratgeber nach Kairo zu begleiten. Er trat dann als Chefarzt in ägyptische Dienste, bereiste der Impfung wegen den Sudan und drang eine ziemliche Strecke auf dem Weißen Nil vor. Nach dreieinhalb Jahren kehrte er wieder nach Oberösterreich zurück. Es hielt ihn aber nicht lange. Genczik bewirbt sich um eine Stelle beim österreichischen Konsulat in Chartum und wird am 1. Februar 1856 zum Kanzler ernannt. Diese Position behält er nur bis Ende 1857 - wohl weil ihm das Leben eines Beamten nicht liegt. Darauf kehrt er aus Gesundheitsgründen nach Oberösterreich zurück.

Dr. Genczik muß während seines Ägyptenaufenthaltes geradezu ein Versandhaus für Naturalia betrieben haben. Er belieferte eine stattliche Anzahl von Vermögenden, die der Sammelleidenschaft verfallen waren, mit Vogelbälgen, Krokodilschädeln, Nilpferdzähnen, Skarabäen, Steinbockhörnern, Negerkeulen und anderen naturhistorischen und ethnographischen Gegenständen. Darüber hinaus wurden von ihm, wie von vielen Abenteurern seiner Zeit, die Wissenschafter und auch die großen wissenschaftlichen Sammlungen beliefert. Darin ist er wahrlich keine Einzelerscheinung. Denn überall entstehen nun durch Förderung der kaiserlichen Familie Landesmuseen. Ein 1835 erschienener "Erster Bericht über die Leistung des vaterländischen Vereines zur Bildung eines Museums für das Erzherzogthum Oesterreich ob der Enns und das Herzogthum Salzburg" gibt dafür ein beredtes Zeugnis. Interessant ist übrigens auch, daß gerade in dieser politisch zum Teil recht stürmischen Zeit die großen Naturalienkabinette bedeutende wissenschaftliche Arbeiten hervorbrachten. Die Universitäten waren damals wesentlich stärker politisch exponiert, stärker reglementiert und somit auch unbeweglicher.

In Kremsmünster beginnt nun die Emanzipation der biologischen Fächer und ihrer Sammlungen. Die Vogelsammlung, bereits von Anfang an Liebkind der Verantwortlichen, erfährt mit den Sendungen Gencziks einen großen Aufschwung, und es konnte nicht mehr lange dauern, bis die dafür vorgesehenen Räumlichkeiten überzuquellen drohten. Der große Schritt ließ aber noch etwas auf sich warten. Erst unter Abt Cölestin Ganglbauer (1817 - 1889) erfolgte die entscheidende Weichenstellung: weg mit den Artefakta aus der Sternwarte! Diese Kunstgegenstände konnten sich ohnehin nie mit denen der Prälatur messen. So wird nun der größte und schönste Raum, der Hohe Saal, der das ganze 4. Stockwerk einnimmt, Ausstellungsraum für die Zoologie. Die Kompetenzen in der Sternwarte werden geteilt, 1881 wird ein eigener Kustos in der Person P. Anselm Pfeiffers (1848 - 1902) für die "Naturhistorischen Sammlungen" bestellt. Er kann den Schwung, der zur Zeit Gencziks begonnen hatte, weiterleiten in unser Jahrhundert, indem er nun auch den sozialen Veränderungen entsprechend, Sammler und Gönner aus dem Bürgertum einzubinden versteht und selbst als Lehrer der Naturgeschichte Großes leistet.


Objekt 6: Buch aus der Sternwartebibliothek

Detail hier klicken Burchard, Ulrich & Bode, Rainer 1986: Mineral Museums of Europe, Lalling, Leinen, 28,5 x 22,5 cm, Bibliothekssignatur: IV 780a. (Deutsche Ausgabe davon: Bode, Rainer & Burchard, Ulrich 1985: Mineralien Museen in Westeuropa, Lalling, Bibliothekssignatur: IV 780)

Es mag verwundern, daß hier ein Buch als Objekt in die Reihe der Museumsgegenstände gestellt wird. Wäre doch jedes der 1200 ausgestellten Mineralien bedeutend attraktiver gewesen. Von Anfang an aber, das soll hier betont werden, verwahrt die Bibliothek der Sternwarte wichtiges Werkzeug. Wie bedeutend unsere Bibliothek ist, kann der schnell ermessen, der selbst damit arbeitet. Aber auch die Bibliothek hätte wahrlich einige Kostbarkeiten zu bieten, doch nun wird hier ein modernes Buch vorgestellt, das zwar sehr schön gestaltet, aber mit seinem Preis von ca. 80 DM nicht einmal besonders wertvoll erscheint. (Die Sache mit Preis und Wert ist ja - zumindest für uns - noch nicht endgültig geklärt.) Schaut man den Schutzumschlag dieses Buches an, oder blättert man die ersten Seiten vor dem Titelblatt durch, so wird einem wohl klar, warum es ausgewählt wurde. Das Buch ist irgendwie eine Art Metasammlung. Hier wird eine Sammlung von Sammlungen zusammengestellt, ein Thema, das uns nicht fremd ist.

Seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt die Sternwarte im vermehrten Maße die Einbindung in die Forschung über die Forschung. Wo sonst als hier sollte man zu forschen beginnen? Eine wissenschaftliche Institution, die jetzt beinahe seit einem Vierteljahrtausend besteht und nie gravierend umgebrochen wurde, ist geradezu prädestiniert, Antwort auf die Frage nach der Entwicklung ihrer Tätigkeit zu geben. Ihre Kleinheit und die bescheidenen finanziellen Mittel tun ihren Teil dazu, daß hier nicht jede wissenschaftliche Modeerscheinung mitexerziert werden kann. Was bleibt, sind die Pendelschläge der großen und bedeutenden Strömungen, gedämpft in den lokalen Möglichkeiten.

Die Geschichte der Museologie verselbständigt sich heute immer mehr. Gerade das Mineralogische Kabinett in seiner Neuaufstellung durch Prof. Erich J. Zirkl (geb. 1923) zum Jubiläumsjahr 1977 demonstriert das in besonderer Weise.

Das Land Oberösterreich, in erster Linie seine Kulturabteilung, planten für das Jahr 1977 in Kremsmünster zusammen mit dem Stift die Landesausstellung durchzuführen. Das Konzept, eine kulturelle Institution, wie es eben ein Kloster auch ist, zu präsentieren, ist heute nach achtzehn Jahren schon fast wieder Ausstellungsgeschichte. Man wollte damals das Phänomen Kremsmünster ausstellen, ohne fremde Objekte hier einzubinden. Vorerst war die Sternwarte nicht mitberücksichtigt. Man kam ja von der Seite der Kunst- und Kulturgeschichte. Die Naturwissenschaften waren da eher eine unbestimmbare Größe, ein Fremdkörper, ein Risikofaktor.

Als man sich entschloß, die Sternwarte in die Landesausstellung miteinzubeziehen, hat man einen Zaun eingebrochen und aus den naturwissenschaftlichen Sammlungen Museumsobjekte gemacht. Daß dieser Weg gangbar ist, daß also auch moderne naturwissenschaftliche Forschung und Museologie der Naturwissenschaften nebeneinander existieren können, war schon in der Sternwarte selbst vorgezeichnet. Historische Publikationen des Sternwartepersonals bezeugen das.

Die Realisierung einer Neuaufstellung unter Wahrung der historischen Dimension ist geglückt und hauptsächlich Verdienst von P. Jakob Krinzinger (geb. 1934). Heute zeigt - und das sei hier nur als Beispiel für die anderen naturgeschichtlichen Sammlungen angeführt - das Mineralogische Kabinett sowohl seine historische Entwicklung, als auch einen, den heutigen Erkenntnissen der Mineralogie entsprechenden, Überblick.

Das Sammeln von Mineralien hat ebenso wie das Sammeln anderer Naturalien in Kremsmünster seine "Prähistorie" vor der Errichtung der Sternwarte. Gerade die Faszination edler Steine führte zu einer recht beachtlichen Kollektion in der Prälatur. Ein für uns glücklicher Zufall, nämlich eine finanzielle Verlegenheit des Linzer Kaufmanns Roger von Rutershausen, hat 1782 eine der größten Mineraliensammlungen der Gegend in unser Haus - vorerst natürlich in die Prälatur - gebracht. 1803 wurden die Mineralien zusammen mit ihren Ausstellungskästen der Sternwarte einverleibt.

Was Biologen oft abschreckt, die strenge Gesetzmäßigkeit der Kristallographie, hat offenbar die Mathematiker gelockt. Tüchtige Kustoden haben gesammelt und bearbeitet. Einer von ihnen war P. Basil Schönberger (1807 - 1850). Er stand in engem, freundschaftlichem Kontakt mit seinem Professor an der Universität Wien, Friedrich Mohs. Eine Tradition übrigens, die sich bis in die heutigen Tage erhalten hat: der gute Kontakt und die freundschaftliche Beziehung mit den oft recht anonym erscheinenden universitären Institutionen.

Viel Energie widmete auch P. Sigmund Fellöcker (1816 - 1887), der erste Geschichtsschreiber der Sternwarte, der Mineralogie. Mineralogische Lehrbücher für die Schulen der ganzen Monarchie waren das Ergebnis.

Im letzten Jahr konnte eine große Mineraliensammlung des Bundeslandes Oberösterreich fast nahtlos in den bisherigen Bestand eingegliedert werden. Das zeigt, wie gut die Verknüpfung zwischen unseren Sammlungen und den Sammlern, aber auch wie eng die freundschaftliche Verbindung mit kompetenten Bearbeitern aus dem universitären Bereich ist.


Ojekt 7: Herbarbeleg von Erechtites hieraciifolia 1990

Erechtites Herbarbeleg, aufgezogen auf 2 Bögen, Etikettentext: Erechtites hieraciifolia (L.)Rafin. ex DC., Fundort: OÖ. Kremsmünster (0915), Schacher-Südrand nördl. Henndorf, 7950/2, Standort: Waldschlagfläche im Fichtenforst, ca. 390 m, Datum/Nr.: 900914/08, leg.: P. Amand Kraml, det.: Dr. Harald Niklfeld, Flora Cremifanensis.

Schlägt man in der ganz neuen Exkursionsflora von Österreich diese Pflanze nach, um einen Trivialnamen zu finden, so steht da: Scheingreiskraut, Feuerkraut, Habichts-Scheingreiskraut, Afterkreuzkraut. Lauter Namen, die auch einem Pflanzenfreund nicht viel sagen. Es sind allesamt Kunstnamen, denn diese Pflanze, deren Beleg aus den Schlagfluren des Schachers nördlich von Kremsmünster stammt, ist ein "Neubürger". Ihr Vorkommen ist den meisten Zeitgenossen noch gar nicht aufgefallen. Die Pflanze ist von dem kroatischen Botaniker Vukotinovic, der sie 1876 auf einer Rodungsfläche bei Zagreb zum erstenmal in Europa gefunden hat, als Senecio sonchoides beschrieben worden. Unter diesem Namen hortet das Botanische Kabinett der Sternwarte auch einen Beleg (Nr. 658) aus dem Agramer Gebiet in der berühmten, vom Botanischen Museum in Wien aus angelegten Exsiccatenflora "Flora exsiccata Austro-Hungarica". Später kam man drauf, daß die Pflanze bereits 1753 von Linné als Senecio hieracifolius und von Rafinesque 1837 als Erechtites hieraciifolia beschrieben wurde und es sich somit um eine auf dem amerikanischen Kontinent heimische Pflanze handelt. Die Ausbreitungsgeschichte in Europa ist gut dokumentiert. 1938 bestätigt Helmut Gams ihr Auftreten in Oberösterreich. In den 60er Jahren wird sie im Schacher bei Kremsmünster zum ersten Mal gesehen. Heute findet der Kenner die Pflanze gar nicht selten auf nährstoffreichen Schlagfluren. Entsprechende Fundpunkte in Österreich sind durch die Mitarbeit an der Österreichischen Florenkartierung auch im Archiv der Sternwarte dokumentiert.

Unser Herbarbeleg ist erst etwas über 4 Jahre alt und gehört zu einer geobotanischen Arbeit über die Änderung der Vegetation um Kremsmünster im Lauf der letzten 150 Jahre. Mit Hilfe einer Punktrasterkartierung wird ein Verbreitungsatlas der Gefäßpflanzenflora dieses Raumes erstellt. Alte Angaben, die besonders vom 8. Direktor der Sternwarte, P. Franz Schwab (1855 - 1910), nach seiner Pensionierung zusammengestellt wurden und bis in unsere Zeit ungenutzt blieben, bieten eine wohl einzigartige Möglichkeit, hier Antworten auf die heute interessanten Fragen der Vegetationsänderung und damit der oft irreversiblen Veränderung unserer Umwelt durch den Menschen zu beantworten. Die Mühe, die sich in der Botanik viele Stiftsmitglieder mit dem Anlegen von Herbarien gemacht haben, und die nicht selten als "Heumachen" abgetan wurde, trägt nun unerwartet wertvolle Früchte. Mit den Mitteln der elektronischen Datenverarbeitung öffnen sich hier neue Möglichkeiten. Der Fleiß, der früher für's Schreiben von Karteikarten aufgewendet wurde, kann heute für die Kartierungsarbeit, das Ansprechen der Pflanzen im Gelände und die räumliche Zuordnung verwendet werden. Aus dem Sammeln zur Dokumentation und Unterscheidung der Pflanzenarten, das für Kremsmünster bereits 1695 nachgewiesen werden kann, ist die Klassifizierung von Vegetationskomplexen geworden.

Der Bogen ist gespannt, von der "Prähistorie" der Sternwarte bis in die Gegenwart und, wie könnte es bei einer neuen Amtsübernahme anders sein, optimistisch geöffnet für die Zukunft, die wissenschaftliches Arbeiten sowie Dokumentation und Beschreibung dieses Arbeitens nebeneinander bestehen lassen sollte.


Literatur:

Adler, Wolfgang, Oswald, Karl & Fischer, Raimund 1994: Exkursionsflora von Österreich. Bestimmungsbuch für alle in Österreich wildwachsenden sowie die wichtigsten kultivierten Gefäßpflanzen (Farnpflanzen und Samenpflanzen) mit Angabe über ihre Ökologie und Verbreitung, Stuttgart - Wien.

Angerer, P. Leonhard 1910: Dr. Genczik, in: Sechzigstes Programm des kais. kön. Obergymnasiums der Benediktiner zu Kremsmünster für das Schuljahr 1910, 3 - 28, Linz.

Austaller, Hermann 1988: Die Temperaturreihe von Kremsmünster. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades an der formal- und naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, Wien.

Bode, Rainer & Burchard, Ulrich 1985: Mineralien Museen in Westeuropa, Lalling.

Brachner, Alto u. a. 1983: G. F. Brander 1713 - 1783. Wissenschaftliche Instrumente aus seiner Werkstatt, München.

Burchard, Ulrich & Bode, Rainer 1986: Mineral Museums of Europe, Lalling.

Doberschitz, P. Laurenz 1764: Specula Cremifanensis. Beschreibung der in dem mathematischen Thurne zu Cremsmünster befindlichen Naturalien, Instrumenten, und Seltenheiten, MS, CCn 1048. Herausgegeben von P. Amand Kraml als Heft Nr. 40 der Berichte des Anselm Desing Vereins, Februar 1999

Fellöcker, P. Sigmund 1864: Geschichte der Sternwarte der Benediktiner-Abtei Kremsmünster, Linz. Erster Bericht über die Leistungen des vaterländischen Vereines zur Bildung eines Museums für das Erzherzogthum Oesterreich ob der Enns, und das Herzogthum Salzburg. Linz 1835.

Gams, Helmut 1939: Biologische Beobachtungen anläßlich der Eferdinger Heimattagung, in: Heimatgaue 1, 69-77, Linz.

Goerke, Heinz 1966: Carl von Linné. Arzt - Naturforscher - Systematiker 1707 -1778, Große Naturforscher, Bd. 31, Stuttgart.

Kellner, Altman 1968: Profeßbuch des Stiftes Kremsmünster, Klagenfurt.

Kerner, A. 1882: Schedae ad Floram Exsiccatam Austro-Hungaricam. Opus Cura Musei Botanici Universitatis Vindobonensis conditum II, Vindobonae.

Krinzinger, P. Jakob 1976: Die Sternwarte - eine gebaute Idee, in: Kremsmünster. 1200 Jahre Benediktinerstift, Linz.

Lauscher, Friedrich 1991: Neubearbeitung der Messungen des bodennahen Ozons in Wien zwischen 1853 und 1990, Wien.

Österreichische Kunsttopographie, Bd. 43, Die Kunstdenkmäler des Benediktinerstiftes Kremsmünster, 2 Teile, Wien 1977.

Pitschmann, P. Benedikt 1983: Die Erwerbung von Türkenbeute durch das Stift Kremsmünster, in: Oberösterreichische Heimatblätter, 37. Jg. Heft 3, 210 - 219, Linz.

Popowitsch, Johann Sigmund Valentin 1750: Untersuchungen vom Meere, die auf Veranlassung einer Schrift de Columnis Herculis ..., Frankfurt und Leipzig.

Pösinger, Bernhard 1932: Die Ritterschüler von Kremsmünster und ihre Porträts, Abschrift des MS, Wien.

Prestel, M. A. F. 1866: Die jährliche Periode der Ozonreaction auf der nördlichen Hemisphäre, in: Zeitschrift der österreichischen Gesellschaft für Meteorologie, I. Bd. Nr. 19, 289 -298, Wien.

Rabenalt, P. Ansgar 1958: Geschichte der Sternwarte von Kremsmünster, in: 101. Jahresbericht, Schuljahr 1958, Öffentl. Stiftsgymnasium der Benediktiner zu Kremsmünster, Kremsmünster.

Rabenalt, P. Ansgar 1977: 1976 - 1977 - 1978 Briefwechsel von zwei berühmten Männern, in: Öffentliches Stiftsgymnasium Kremsmünster, 120. Jahresbericht, Wels.

Schwab, P. Franz 1906ff: P. Eugenius Dobler O. S. B. aus Irrsee, 1713 - 1796, MS im Archiv der Sternwarte (Großteils veröffentlicht: P. Eugenius Dobler OSB und Kremsmünster von P. Ansgar Rabenalt, in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktiner-Ordens und seiner Zweige, St. Ottilien (93) 1982, 959 - 1009).

Schwab, P. Franz, Wenzl, P. Gallus & Schwarz, P. Thiemo 1896: Ueber die bisher in Oberösterreich angestellten meteorologischen und geophysikalischen Beobachtungen. Auf Grund von der Sternwarte in Kremsmünster gesammelter Daten, Separatabdruck aus dem Jahresbericht des Vereins für Naturkunde für OÖ. in Linz, Linz.

Seipel, Wilfried 1990: Mensch und Kosmos. OÖ. Landesausstellung 1990, 2 Bde., Kataloge des OÖ. Landesmuseums. Neue Folge Nr. 33, Linz.

Waidacher, Friedrich 1993: Handbuch der Allgemeinen Museologie, Mimundus 3, Wien - Köln - Weimar.

Wutzel, Otto 1977: Landesausstellung "1200 Jahre Kremsmünster", in: Kremsmünster 777 - 1977, Beiträge zur Geschichte der Abtei, Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktiner-Ordens und seiner Zweige Bd. 88, Heft I-II, Ottobeuren.

Zinner, Ernst 1972: Deutsche und Niederländische Astronomische Instrumente des 11. - 18. Jahrhunderts, Nachdruck der 2. Aufl., München.

1200 Jahre Kremsmünster. Stiftsführer, Geschichte Kunstsammlungen Sternwarte, 5. Aufl., Linz 1977.


Zurück zur Homepage

(c) P. Amand Kraml, letzte Änderung 2002-01-09

Besucher seit 2001-08-25: