Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

November 1998


Höhlenbärenschädel

Schädel von Ursus spelaeus,
Lettenmaierhöhle, Kremsmünster
Foto: P. Amand Kraml


Kremsmünsterer Drachenschädel

Das Paläontologische Kabinett der Sternwarte besitzt eine größere Anzahl von Knochen vom Höhlenbären Ursus spelaeus. Darunter sind neun zum Teil vollständig erhaltene Schädel.
Bereits um 1722 wurden solche Schädel beim Abbau des Kremsmünsterer Konglomerates gefunden. Diese wurden damals als Drachenschädel interpretiert. Auch beim Bau der Sternwarte (um 1748) - so berichtet P. Anselm Desing - hätte man solche Schädelknochen gefunden.
Bereits 1828 wird ein Schädel - jetzt wohl schon als Schädel eines Ursus spelaeus erkannt - ans kaiserliche Hof-Naturalien-Kabinett abgegeben. Die Sternwartesammlungen erhalten von Kustos Pratsch im Tausch dafür österreichische Amphibien in Weingeist.
Von weiteren Funden wird aus den Jahren 1863 und 1874 berichtet. Von diesen Knochen wurden nur wenige gerettet, der größte Teil kam in die "Knochenstampf".
Eventuell stieß man auch beim Abbau von Konglomerat für den Bau des Bräuhauses 1781 auf solche Knochen, wie ein Bericht vom Sternwartemechaniker Simon Lettenmayer jun. angibt.
Den größten Ertrag brachten dann die Grabungen in der 1881 unweit vom Stift entdeckten Lettenmaierhöhle.
Mit den Sammlungen der Hochschule für Montanistik tauschte man 1882 mit dem dortigen Kustos A. Hofmann Höhenbärenknochen gegen eine Sammlung verschiedener Fossilien aus dem Grazer Raum.
Von Othenio Abel, der sich selbst scherzhaft als "Pater Ursi" bezeichnet, wurden die Kremsmünsterer Höhlenbärenknochen 1905 bearbeitet. Er montierte für die paläontologischen Sammlungen aus verschiedenen Individuen fast gleichen Alters ein beinahe vollständiges Skelett eines erwachsenen Männchens.


Einzelheiten:

Vom Stiftschronisten erfahren wir:"Gegen Ende Juli 1722 stießen nämlich die Arbeiter beim Steinbrechen an dem Hügel zunächst der St. Sigismundi-Kirche auf ungeheure Knochen und nicht weit davon auf einen Stein, nach Art eines gekrümmten Menschenarms ausgehöhlt. Im nächsten Jahr fand man zwei ungeheuer große Köpfe, von denen wir nicht ohne Grund glauben, dass sie Drachenköpfe seien, da wir noch nie ein ähnliches Skelett gesehen haben. Sie wurden sofort aufbewahrt in unserer Bibliothek und werden von den Fremden nicht ohne Staunen betrachtet."
Fellöcker, Funde, 179

Pachmayr bringt diese Chroniknotiz und bemerkt dazu: "Ante quam ceteram abbatis historiam prosequar, operae pretium esse existimo, si, quem domesticae ephemeridi chronographus immiscuit casum, philophysico non iniucundum, heic loci subnectam. Ita vero ille: Circa finem huius mensis, scilicet Iulii, dum operarii eruendis lapidibus in monticulo ecclesiae S. Sigismundi vicino incumbunt, offenderunt sub ipsis ossa ingentia, cautumque non procul lapidem, incuruo hominis bracchio haud absimilem. Inuenta sunt itidem diebus aliis (set, vt infra notatur, insequente anno) duo praegrandia capita, quae haud abs re draconum fuisse putamus, quia nullum adhuc sceleton vidimus his capitibus simile. Reseruata proinde sunt in bibliotheca nostra (hodie in museo rerum naturalium servantur) ubi non sine admiratione ab hospitibus aduenientibus saepius sunt inspecta et considerata. Vsque huc ephemeridis scriptor. Draconum capita si legis, rerum naturalium peritissime lector! forsitan subrides; belluas marinas volunt alii: vnde huc aduectae? num a tempore cataclysmi vniuersalis?
Pachmayr, 665

Johann Sigmund Valentin Popowitsch, als Lehrer an der Ritterakademie angestellt, weiß in seinen Untersuchungen vom Meere über die "Kremsmünsterer Drachenköpfe" folgendens zu berichten: "... dergleichen auch das Kremsmünsterische Windfeld ist, auf dessen östlichem Abhange man vor einigen Jahren, beim Steinbrechen, ziemlich tief im Grunde, mitten im Sande, Zähne und Köpfe von unbekannten Thieren gefunden hat, die man für Drachenköpfe ausgibt; welche ich lieber für Ueberreste von Meerfischen halten will. Die izige Verfassung des Ortes, welche weder gelehrte Leute ziehen, noch von andern Gegenden dahin gerathene erhalten kann, hinderte mich, einen noch allda befindlichen dergleichen Kopf recht zu betrachten, vielmehr aber denselben abzuzeichnen, wo ich durch Mittheilung des Abrisses, bei den neugierigen Naturkündigern ohne Zweifel würde Ehre eingeleget, der Abtey aber keinen Schaden zugefüget haben.
Popowitsch, 119

Über die Fossilienfunde beim Bau der Sternwarte (wohl um 1749) schreibt P. Anselm Desing an den Propst von Polling, Franciscus Töpsl: "Von den Lebewesen wurden nicht vollständige Skelette, sondern meistens nur die Köpfe - insgesamt sechs - aus der Mitte des Gesteins herausgehauen, und auch diese waren zum Großteil versteinert. Als die Arbeiter auf sie stießen, sagten sie, es seien Drachenköpfe und dieses Wort gebrauchten dann auch die Sachverständigen, obwohl diese Köpfe nichts von einem Drachen an sich hatten. Ich würde eher sagen, die Form eines Pferdekopfes oder eines Meerungeheuers, versehen nicht nur mit Stockzähnen sondern auch mit vier Spießzähnen, gekrümmt, reichlich kräftig und lang. Die meisten dieser Köpfe wurden anderen Personen zum Geschenk gemacht, einer kürzlich seiner Eminenz dem Kardinal von Passau, zwei kleinere können bis auf den heutigen Tag hier im höchst lehrreichen Museum besichtigt werden."
Rabenalt, 110

Zur Zeit von P. Laurenz Doberschitz's Sammlungsbeschreibung - 1764 - befinden sich verschiedene Höhlenbärenknochen in den Mineralogischen Sammlungen. Er schreibt dazu: An beyden Seiten dieses Käpsels sieht man verschieden große Thiergebeine, auch hangen hier zween große Köpfe. Allen diesen kann man hier einen Platz vergönnen, obwohl sonst ein Thierkopf nichts weniger als zu den mineralischen Reiche gehöret. Merkwürdig von diesen Gebeinen und Köpfen ist, daß sie alle in unseren Steinbrüchen gefunden, und aus dem schon ganz erharteten Steine in ihrer Natur sind herausgehauen worden. Wie nun diese Thiere unter den Steingrund gekommen, also was es eigentlich bey ihren Namen für Thiere gewesen, die in diesem Ort ihre Köpfe gelassen, hat man noch nicht entscheiden können. Einige haben es für Drachenköpfe gehalten. Dieses ist aber nur eine Meynung und keine Wahrheit, doch sind sie so groß und besonders breit um das Hirn, daß man sie für Roß- oder Ochsenköpfe nicht kann gelten lassen.
Doberschitz, Specula §32

P. Sigmund Fellöcker schildert 1864 mit großem Vorbehalt, den Bericht des Sternwartemechanikers Simon Lettenmayer jun (1787-1861, warum er den Namen als "Lettmayr" anführt ist unklar).: "Nach einer mündlichen Überlieferung, die mir der erblindete Mechaniker, Simon Lettmayr, erzählte, wäre der Ort des älteren Fundes der jetzt noch so genannte "Steinbruch", da wo gegenwärtig die grossen Sandhöhlen sind, also von der einstigen Sigismundkirche ziemlich weit gegen Nordwest; man habe nämlich von da die Steine zum Baue des "Bräuhauses" genommen 1781, und dabei sei man im Beisein seines Vaters [Simon Lettenmayer sen. (1757-1834) ebenfalls Sternwartemechaniker] auf jene Knochen gestossen. Da Ort und Zeit wenig mit den Angaben unseres Chronisten harmonieren, dürfte Lettmayr's Erzählung auf einer Verwechslung beruhen."
Fellöcker, Funde, 181

Zur Zeit da Karl Ehrenbert von Moll seine Schilderung des Klosters Kremsmünster gibt (1783), befinden sich die interessanten Fossilien in den Räumen der Sommerabtei, in der Abt Erenbert Meyer ein eigenes Museum unterhält. Moll berichtet darüber: "Im nächsten Kabinete sind in Kästen verschieden große Gebeine, die man in den Steinbrüchen in der Gegend der Abtey tief unter der Erde gefunden hat. Auch diese bemerkt Popowitsch im angeführten Orte. Man hält sie aber nicht mehr für Drachenköpfe, wie bey seinen Zeiten, sondern für Gebeine von Seethieren. Viele dünken mich große Ähnlichkeit mit Überresten eines Seekalbes (Phoca marina L.) zu haben."
Moll, 322

Bei P. Sigmund Fellöcker kann man nachlesen, dass "in neuerer Zeit" ein möglichst vollständiges Exemplar eines Höhlenbärenskelettes an die kaiserliche Sammlung in Wien und ein ebensolches an das Oberösterreichische Landesmuseum in Linz abgegeben wurden. Ein Skelett war auch im Mineralienkabinett, bevor man 1863 weitere Knochenfunde machte, von denen man annahm, dass sie von wenigstens zwei Individuen stammen mussten.
Fellöcker, Geschichte, 10


Literatur:

ANGERER, P. Leonhard, 1910: Geologie und Prähistorie von Kremsmünster, Jahresbericht des Gymnasiums Kremsmünster, Linz

ANONYMUS [POPOWITSCH, Joh. Sigm. Val.], 1750: Untersuchungen vom Meere, die auf Veranlassung einer Schrift, de Columnis Herculis, welche der hochberühmte Professor in Altorf, Herr Christ. Gottl. Schwarz, herausgegeben, nebst andern zu derselben gehörigen Anmerkungen, von einem Liebhaber der Naturlehre und der Philologie vorgetragen werden, Frankfurt und Leipzig

DOBERSCHITZ, P. Laurenz 1764: Specula Cremifanensis, MS CCn 1048 (Herausgegeben von P. Amand Kraml als Heft Nr. 40 der Berichte des Anselm Desing Vereins, Februar 1999)

FELLÖCKER, P. Sigmund 1864: Die Geschichte der Sternwarte der Benediktiner-Abtei Kremsmünster, Linz

FELLÖCKER, P. Sigmund 1864: Funde von Ursus spelaeus zu Kremsmünster, 24. Bericht über das Museum Francisco-Carolinum. Nebst der 19. Lieferung der Beiträge zur Landeskunde von Österreich ob der Ens, Linz, 177-181

HOCHSTETTER, Ferdinand von, 1882: Die Lettenmaierhöhle bei Kremsmünster, in: 5. Bericht der prähistorischen Commission der math.-nat.Classe der K. Akademie der Wissenschaften, Wien, 84-89

KRAML, P. Amand 2008: 250 Jahre Sternwarte Kremsmünster, in: Öffentliches Stiftsgymnasium Kremsmünster 151. Jahresbericht, 33-83, Thalheim

MOLL, Karl Ehrenbert von, 1783: Briefe an den Herrn Professor Heinrich Sander in Karlsruhe über eine Reise von Kremsmünster nach Moßheim im Salzburgischen. Im Herbste 1780, Erste Abteilung. Reise bis Salzburg, in: Bernoulli, Johann, Sammlung kurzer Reisebeschreibungen und anderer zur Erweiterung der Länder- und Menschenkenntnis dienender Nachrichten, Jg. 1783, 11. Bd. Berlin, 283-358

PACHMAYR, P. Marian, 1777: Historico-Chronologica Series Abbatum et Religiosorum Monasterii Cremifanensis, Styrae

PFEIFFER, P. Anselm, 1882: Höhlenfunde bei Kremsmünster, 12. Jahresbericht des Vereines für Naturkunde in Österreich ob der Enns, Linz

RABENALT, Ansgar, 1990: Anselm Desing an H. Probst Franciscus in Polling mit Beschreibung und Plan des Observatoriums zu Kremsmünster worin die Geschichte desselben angegeben, in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktiner-Ordens und seiner Zweige, Jg. 1990, Bd 101, Heft I/II, 103-120


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(c) P. Amand Kraml, 1998-12-19
Letzte Änderung: 2017-08-11