Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

November 2014


Vertikalkreis mit gebrochenem Fernrohr
vom k. k. polytechnischen Institut in Wien
Gusseisen, Messing, Glas
Maße: Höhe incl. Holzklötzchen: 82 cm, max. Breite: 46 cm,
Radius des Dreibeins: 26 cm,
Durchmesser des Vertikalkreises: 27 cm
Inv. Nr.: 18111015

Foto: P. Amand Kraml.


Vertikalkreis von Gustav Starke

Zeichung
Planzeichnung mit der Überschrift:
Vertikalkreis für die
Sternwarte zu Kremsmünster
1/3 Der nat. Grösse

signiert: G. Starke
April 860

Ein Vertikalkreis ist ein astronomisches Winkelmessgerät, das dem Meridiankreis ähnlich, aber in Azimut und Höhe drehbar ist. Es dient zur absoluten Deklinations-Bestimmung von Gestirnen. Der Zustand unseres Instrumentes ist durch seine langjährige Aufstellung in der Ostkuppel recht schlecht, dass das Fernrohr gebrochen ist, meint aber nicht, dass es kaputtgegangen sei, sondern als gebrochenes Fernrohr bezeichnet man Fernrohre, deren Strahlengang um 90° zur Seite in die Achse horizontal abgelegt ist. Ein Hilfsspiegel oder ein Umlenkprisma in der halben Brennweite bewerkstelligt diese Umlenkung.

Rechnung
Auszug aus den Büchern der Werkstätte des K. K. polytech. Institutes vom 5. Mai 1869
Archiv der Sternwarte-Direktion

Rechnung vom 30. Juli 1861. Ein astronom. Verticalkreis mit
gebrochenem Fernrohr 2" Öffnung 24" Brennweite, Vert.-
Kreis 10 Zoll Durchmesser 2 Mikroscope geben eine Secunde
Horizontalkreis durch 2 Nonien 20 Secunden. Sammt
Verpackung.
Öst. Währ. F 894.-

Dieser Auszug enthält weiter oben auch die Rechnung für den Refraktor vom 26. Oktober 1857

Bei P. Sigmund Fellöcker finden wir in seiner Geschichte der Sternwarte unser Gerät als Passage-Instrument angeführt. Er vermerkt auch, dass das Gerät ein Geschenk von P. Marian Koller an die Sternwarte war.
2. Ein Passage-Instrument mit gebrochenem Fernrohr von 24 Linien Objectiv-Oeffnung und 24 Zoll Focallänge, einem 10zölligen Vertical - und einem 8zölligen Horizontalkreis; 2 Mikroskope am Verticalkreise geben 1 Secunde, 2 Nonien am Horizontalkreise 20 Secunden. Das Instrument wurde im Jahre 1861 nach den neuesten Grundsätzen der astronomischen Mechanik ausgeführt von Herrn Gustav Starke, Vorsteher der astronomisch-mechanischen Werkstätte des k. k. polytechnischen Institutes in Wien , und kostete (sammt Verpackung) 894 fl. ö. W. Es ist vorzugsweise zu Beobachtungen der Gestirne im ersten Vertical (von Ost nach West) bestimmt. Director A. Reslhuber lies dafür eigens den südöstlichen Pavillon auf dem Plateau der Sternwarte nach dem Bauentwurfe des Herrn k. k. Finanzrathe Latzel in Wien adaptirten, mit einer Drehkuppel versehen u. s. w. Das Instrument dürfte ein Paar Jahre in Professor Stampfer's Benützung gewesen sein (vergl. Koller's Brief an A. Reslhuber vom 5. September 1860). Hier wurde es jedenfalls erst im Jahre 1864 und zwar von Koller selbst aufgestellt und rectificirt (laut Bericht an Stampfer vom 6. Juni 1864). (Fellöcker, 282)
Die Bemerkung, dass das Gerät erst 1864 aufgestellt wurde, dürfte falsch sein, da P. Kolumban Fruhwirth in seinen Beiträgen zum Tagebuch des Stiftes Kremsmünsters für August und September 1861 vermerkte: Der neue, aus Wien angekommene Vertical-Kreis wurde Mitte dieses Monates in dem für den selben oben auf der Sternwarte im vorigen Jahre adaptirten Lokale gegenüber dem des Refraktors aufgestellt unter Mitwirkung des Professors am k. k. Polytechnischen Institute Dr. Herr, der mit seinem Schwiegervater Professor Simon Stampfer, den Physikprofessor Kuncek [= Kunzek] u. Ministerialrath Pater Marian Koller einen Teil des Augusts hier zubrachte. (Fruhwith, 35)
Anlässlich dieses Aufenthaltes wurde von Fellöcker auch eine Fotografie angefertigt, von der in diesem Tagebuch auch ein Abzug eingeklebt ist.

Der Tubus des Fernrohrs trägt die Gravur K. K. polytechn. Institut in Wien Chr. Starke. Leider ist sie durch den schlechten Zustand des Gerätes nur mehr schlecht zu lesen.
Bei der oben angeführten Kuppel, in der der Vertikalkreis Aufstellung fand, handelt es sich um die östliche Kuppel, auf der lange Zeit die Antenne der Stiftsfernsehanlage montiert war. Heute ist zwar die Antenne wieder entfernt, die Fernsehanlage des Stiftes ist allerdings immer noch in dieser Kuppel untergebracht.

Ein ähnliches - etwas kleineres - Gerät wird in den Sitzungsberichten der Akademie der Wissenschaften in Wien im Bericht über die Sitzung vom 8. Juli 1858 beschrieben:
Herr Gustav Starke übersandte ein kleines Passage- und Höhenmess-Instrument, welches in der unter der Leitung des Herrn Christoph Starke (Vater) stehenden Werkstätte des k. k. polytechnischen Institutes in Wien so eben verfertigt worden.
Die Basis des Instrumentes bildet ein gusseiserner Dreifuss mit drei Stellschrauben zum Nivelliren der Horizontalaxe. Die vertikale ebenfalls gusseiserne Säule ist durchbohrt und dient als Büchse der am Dreifuss festen Vertikalaxe, um welche die Azimuthalbewegung des ganzen Instrumentes erfolgt.
Der horizontale Aufsuchkreis, mittelst eines Nonius von 30 zu 30 Sekunden getheilt, ist an der Säule fixirt. Die Klemmung und feine Bewegung im Azimuth geschieht durch den über dem Horizontalkreis liegenden Arm, welcher die vertikale Säule umfasst und durch die Klemmschraube fest an dieselbe angedrückt wird.
Der Vertikalkreis von 8 Zoll Durchmesser gibt durch 2 diametrale fliegende Nonien 10 Sekunden, wovon die Hälfte noch gut geschätzt werden kann. Das Instrument ist daher zum Messen doppelter Zenithdistanzen sehr brauchbar, da es bei einigen Wiederholungen wohl möglich ist Vertikalwinkel bis auf wenige Sekunden genau zu erhalten.
Das Instrument kann in seinen Lagern umgelegt und sehr schnell in beiden Lagen fixirt werden. Die Auslösung geschieht ganz einfach durch das Zurückschlagen der stählernen Federn, welche die Schraube des Noniusarmes einerseits, und die am Klemmhebel der horizontalen Axe anderseits, an die Stahlzapfen des Fernrohrträgers anpressen.
Die Schwankungen der vertikalen Axe und die dadurch nothwendige Correction des vertikalen Winkels wird durch die am gusseisernen Ständer befestigte Versicherungslibelle angegeben. Diese Libelle kann auf Verlangen auch an dem Noniusträger angebracht und zum Umlegen eingerichtet werden, wodurch etwaige Änderungen in der Lage der Nonien, welche unabhängig von denen der vertikalen Axe erfolgen können , ebenfalls angezeigt werden. Klemmung und feine Einstellung für den Vertikalkreis an einem Ende der Axe ganz in der Art wie beim Azimuthalkreise.
Das Fernrohr ist in der Mitte gebrochen, hat ein Objectiv von 14 Zoll Brennweite, 15 Linien Öffnung und eine 28malige Vergrößerung. Die Beleuchtung des Feldes geschieht durch eine auf den Objectivkopf aufzusteckende elliptische Blendung.
Ganz nach Art des vorliegenden Instrumentes werden in der Werkstätte des k. k. polytechnischen Institutes auch solche verfertiget, bei denen der Horizontalkreis ebenfalls durch 2 Nonien von 10 zu 10 Sekunden getheilt ist, so dass das Instrument dann ganz die Dienste eines astronomischen Theodolithen kleinerer Gattung (ohne repetirende Kreise) versehen kann.
Ein gewiss auch zu berücksichtigender Punkt ist der, dass der Preis dieses Instrumentes ein verhältnissmässig sehr niedriger ist, indem ein Instrument wie das vorliegende auf 300 fl. und mit Horizontalkreis von 10 zu 10 Sekunden auf «330 fl. zu stehen kommt.


Quellen und Literatur:

STARKE G. 1858: Über ein kleines Passage- und Höhenmess-Instrument. welches in der Werkstätte des polytechnischen Institutes verfertigt worden ist, in: Sitzngsberichte der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, 31. Band, Sitzung vom 8. Juli 1858, Wien, 3-4

FELLÖCKER, P. Sigmund 1864: Die Geschichte der Sternwarte der Benediktiner-Abtei Kremsmünster, Linz

FRUHWIRTH, P. Kolumban 1866: Beiträge zum Tagebuch des Stiftes Kremsmünster im Auftrage des Hochw. Hr. Prälaten Augustin Reslhuber geschrieben von P. Kolumban Fruhwirth, MS im Stiftsarchiv Kremsmünster

STARKE, G. 1860: Vertikalkreis für die Sternwarte zu Kremsmünster, Planzeichnung im Direktions-Archiv der Sternwarte

TINTER, Wilhelm Edler von Marienwil, 1884: Bestimmung der Polhöhe und des Azimuthes auf der Sternwarte Kremsmünster. (Mit 3 Holzschnitten), in: Denkschriften der Akademie der Wissenschaften. Math. Natw. Kl., Jg. 48/2, 193-248.



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(c) P. Amand Kraml 2014-11-24
Letzte Änderung: 2019-02-25