Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

Juli 2024



Chenopodium vulvaria
Herbarbeleg von Chenopodium vulvaria aus dem Botanischen Kabinett der Sternwarte Kremsmünster
Belegnummer: Herbarium P. Amand Kraml 900821/01, Format: A3
Foto: P. Amand Kraml (202508063772)


Herbarbeleg von Chenopodium vulvaria, Stink-Gänsefuß

Als Botaniker wird man manchmal gefragt, welche Pflanze einem irgendwie besonders im Gedächtnis sei, oder so ähnlich. Natürlich gibt es da einige, von denen man ganz genau weiß, wo und wann - manchmal sogar mit wem - man eine bestimmte, oft seltene Pflanze zum ersten Mal gesehen hat. Ich könnte da so einige aufzählen: Der Wiederfund von Laserpitium archangelica für Oberösterreich an der Traun oberhalb von Bad Ischl ist z. B. so ein Fall. Da erinnere ich mich auch noch genau, wo ich die Pflanze das erste Mal in Mähren im Altvatergebirge gesehen habe. Auch der Fund von Tulipa australis (Wild-Tulpe) bei der Forca Ventosola in den Monti Sibillini ist so ein Fall und ich könnte noch viele Beispiele anfügen. Manchmal erinnere ich mich auch an einen besonderen Fund - wie man so sagt - direkt vor meiner Haustür, nicht vor dem Sternwarte-Portal aber auch nicht allzu weit davon entfernt. Chenopodium vulvaria der Stink-Gänsefuß ist am Eck zum Riedergang vor der Stifts-Schank ganz an der Mauer in den Pflasterritzen im Sommer 1990 aufgetaucht.
Das ist zwar keine besonders schöne oder ins Auge fallende Pflanze, aber durch ihren sehr unangenehmen Gestank zumindest leicht zu bestimmen. Trimethylamin ist der Stoff, der diesem "Unkraut" den Gestank verleiht.

Exkursion in Südböhmen
Exkursion in Südböhmen mit Vladimir Skalický im August 1990,
Ruderalstandorte in Vlastiboř u Soběslavi
Foto: P. Amand Kraml (1990081904)
Kennengelernt habe ich diese Pflanze, wie so manche andere auch, von den Tschechischen Kollegen, mit denen wir zusammen - initiiert von Franz Speta - viele Male Südböhmisch-Oberösterreichische Botanikertreffen abgehalten haben. In einem südböhmischen Dorf machte uns bei einer Exkursion im August 1990 Dr. Vladimir Skalický auf diese Pflanze aufmerksam. Von der Exkursion zurückgekommen, fand ich sie auch schon am 21. August in den Pflasterritzen des Äußeren Stiftshofes. Ich vermutete, dass ihr Vorkommen der Beschäftigung tschechischer Kellner in der Stiftsschank zu verdanken sein könnte. Wie das jedoch vonstatten gegangen ist, wissen wir nicht.
Zumindest bis 1994 konnten sich die paar Exemplare des Stink-Gänsefußes an und um diese Stelle halten. Am 21. August 1994 machte ich noch Fotos davon, schon mit dem Bewusstsein, dass bei der nächsten gründlicheren Reinigung des Pflasters oder der Mauer dieser Standort für das einzige bekannte aktuelle Vorkommen von Chenopodium vulvaria in Oberösterreich wieder verschwunden sein wird.
Die Angabe von P. Gotthard Hofstädter in der Mitte des 19. Jh. ist zumindest interessant, auch wenn sie heute nicht nachgeprüft werden kann: An Mauern, Häuser, Wegen auf Schutt gemein. (HOFSTÄDTER, 10) Im Herbarium Cremifanense ist auch ein Beleg vorhanden. Da sind allerdings - wie damals üblich - leider keine weiteren Angaben auf einen Fundort vorhanden. Bei Duftschmidt findet man die Angabe: Am Bräuhause und an Wegen zu Kremsmünster. Er bringt unter dem Synonym Chenopodium olidum die Verbreitung für ganz Oberösterreich: Sehr zerstreut im flachen Gebiete. Längs Häusern, alten salpetrigen Mauern, an ammoniakalischen Stellen, auf Schutt, an Wegen, an Sandstätten. In Linz selbst in der Hafnergasse, alten Gottesackergasse und vor dem Kloster der Karmeliten. Am Bräuhause und an Wegen zu Kremsmünster, in Gassen zu Kirchdorf u.s.w. sehr zerstreut in niedrigen Gegenden. Fehlt in alpinen Strichen. (DUFTSCHMIDT, 376) In den Aufzeichnungen von P. Franz Schwab zur Flora Cremifanensis, findet sich eine Angabe an der langen Mauer bei der Schanze. Das kann in etwa mit den Koordinaten 14,136 Ost, 48,056 Nord verortet werden. (KRAML, Diss. Teil 2a, 235) Ein Datum für seine Angabe haben wir nicht, wir können aber den Zeitraum auf 1900-1909 einschränken. In Oberösterreich gibt es neben dem Kremsmünsterer Fund nur noch einen einzigen, der nach 1960 anzugeben ist. Das ist das auch bei Hohla in der Innviertel-Flora angeführte spontane Aufkommen von Chenopodium vulvaria, das uns Franz Grims aus seinem Garten schildert: spontan 1988 als Unkraut im Gemüsegarten des Verfassers [Gadern, Taufkirchen a. d. Pram] und seit damals geduldet im Steingarten, eingeschleppt mit Möhrensamen? Ob die Pflanze auch heute nach Franzens Tod noch existiert, wurde nicht nachgeprüft. (GRIMS, 2008, 133, HOHLA, 2022, 296)
In der Roten Liste der Gefäßpflanzen Oberösterreichs aus dem Jahre 2009 findet sich dann die Angabe:
Chenopodium vulvaria: Rezent kommt diese Art heute nur mehr selten im Alpenvorland vor. L: SAILER (1841), BRITTINGER (1862), HOFSTÄDTER (1862), VIELGUTH & al. (1871), RAUSCHER (1872), GUPPENBERGER (1874), DUFTSCHMID (1876), VIERHAPPER (1886), BECK (1886), RITZBERGER (1913), NEUMAYER (1930), STEINBACH (1959), KRAML (2001), GRIMS (2008).
Die Einstufung in der Roten Liste war dann folgende: Es handelt sich sehr wahrscheinlich um einen unbeständigen (nicht etablierten) Neophyten, [N-U?], als Gefährdungskategorie ergibt sich daraus, dass das Taxon nicht eingestuft wird, weil es im betreffenden Gebiet eine unbeständige neophytische Sippe darstellt. (Rote Liste 2009, 19)


Quellen und Literatur:


DUFTSCHMIDT, Johann 1878: Die Flora von Oberösterreich, II. Bd. 2. Heft, in: 36. Bericht über das Museum Francisco-Carolinum. Nebst der 30. Lieferung der Beiträge zur Landeskunde von Oesterreich ob der Ens, Linz, 363-440

GRIMS, F., KRAML, A., LENGLACHNER, F. u. a. 1997: Rote Liste gefährdeter Farn- und Blütenpflanzen Oberösterreichs und Liste der einheimischen Farn- und Blütenpflanzen, in: Beitr. Naturk. OÖ. 5, S.3 - 63 [Sonderdruck] Linz

GRIMS Franz 2008: Flora und Vegetation des Sauwaldes und der umgrenzenden Täler von Pram, Inn und Donau – 40 Jahre später, in: Stapfia 87, Linz, 1-262.

HOFSTÄDTER, Gotthard 1862: Vegetations-Verhältnisse von Kremsmünster und Umgebung, in: Programm des kaiserl. königl. Gymnasiums zu Kremsmünster für das Schuljahr 1862, Linz, 3-34.

HOHLA, M., STÖHR, O., BRANDSTÄTTER, G., DANNER, J., DIEWALD, W., ESSL, F., FIEREDER, H., GRIMS, F., HÖGLINGER, F., KLEESADL, KRAML, A., LENGLACHNER, F., LUGMAIR, A., NADLER, K., NIKLFELD, H., SCHMALZER, A., SCHRATT-EHRENDORFER. L., SCHRÖCK, C., STRAUCH, M. & WITTMANN, H., 2009: Katalog und Rote Liste der Gefäßpflanzen Oberösterreichs, Stapfia 91, Linz

HOHLA, Michael 2022: Flora des Innviertels unter besonderer Mitwirkung von Franz Grims +, Robert Krisai +, P. Amand Kraml. Simon Kellerer, Gerhard Kleesadl, Georg Pflugbeil, Peter Pilsl, Johanna Samhaber, Christian Schröck, Josef A. Stempfer, Oliver Stör & Willy Zahlheimer sowie mit Beiträgen von Günther Aust, Franz Essl, Hans-Peter Haslmayr, Edwin Herzberger, Christoph Jasser, Michael Strauch & Albert Ulbig. Stapfia 115 (2022) Linz

KRAML, A. & STECH, M. 1997: Laserpitium archangelica Wulfen (Engelwurz-Laserkraut), ein in Vergessenheit geratenes Vorkommen in Oberösterreich wiederentdeckt, in: Beitr. Naturk. OÖ. 5, Linz, 305 - 307

KRAML, Gerhard (P. Amand), 2001: Flora Cremifanensis. Analyse historischer und aktueller Verbreitungsmuster der Farn- und Blütenpflanzen in der Umgebung von Kremsmünster (Oberösterreich) auf der Grundlage einer Feinrasterkartierung, Dissertation, Wien


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(c) P. Amand Kraml 2025-08-05
Letzte Änderung: 2025-08-10