Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

Februar 2023



Historische Vitrine
Historische Vitrine
Deutung der Fossilien in alter Zeit
Holzkasten mit Glasdeckel, 83,5 x 35 x 8,5 cm
Foto: P. Amand Kraml (202506272068)


Historische Vitrine von P. Leonhard Angerer
Deutung der Fossilien in alter Zeit

Im Paläonthologischen Kabinett in der Ecke steht eine alte Vitrine, die eigentlich so gar nicht zur übrigen Einrichtung im ersten Stock passt. Es handelt sich um einen verschlossenen Holzkasten mit Glasdeckel, der auf einem Gestell mit zwei Beinen montiert ist. Die Beschriftungen sind mit Schreibmaschine geschrieben.
Bei Führungen in der Sternwarte wird immer wieder darauf hingewiesen, dass unser Museum eines will, nämlich Museum eines Museums zu sein. Wir möchten zeigen, wie man in dem fast mehr als einem Vierteljahrtausend unseres Bestehens Museum gemacht hat. Um auf diese Devise gleich am Beginn einer Führung hinzuweisen, haben wir diese Vitrine aufgestellt. Sie wurde bei der Neuaufstellung für die Landesausstellung im Jubiläumsjahres des Stiftes 1977 in ein Kammerl beiseitegeräumt. Und als sie uns vor einiger Zeit wieder in die Hände kam, entstand die Idee, sie doch wieder als Beispiel aufzustellen für die Art, wie man in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit bescheidenen Mitteln thematisch Objekte präsentierte.
Diesen Schaukasten ließ P. Leonhard Angerer einrichten. Sein besonderes Interesse galt ja der Geologie. Durch seinen Kontakt mit dem Wiener Paläobiologen Othenio ABEL kam er auf die Idee zum Thema Deutung der Fossilien in alter Zeit diese Präsentation vorhandener Fundstücke zu erstellen. Er schreibt in seinem Tagebuch der Naturalien-Kabinette:
1924. Prof. Dr. Abel rät mir, an der Hand seiner Schrift: Die vorweltlichen Tiere in Märchen, Sage und Aberglaube, die er mitsendet eine Schausammlung "Deutung der Fossilien in alter Zeit aufzustellen. Seinen Rat habe ich befolgt und eine kleine Sammlung dieser Art in der Fensternische des paläontolog. Kabinettes aufgestellt. (ANGERER, Tagebuch, 172)

Historische Vitrine
Historische Vitrine Deutung der Fossilien in alter Zeit
Foto: P. Amand Kraml (202506282087)


Die Beschriftungen in der Vitrine:

Geschiebe mit Actaeonella "Wirfelstein"
Geschiebestücke mit Längsschnitten durch Actaeonella, eine Schnecke aus der Gosauformation, galten als Heilmittel gegen den "Wirfel", die Drehkrankheit des Viehes. "Man gibt den "Wirfelstein" in einen Wasserbottich und reicht das Wasser, das den Stein umspülte, dem kranken Tiere zum Tranke. Similia similibus... Heutzutage wendet man das Mittel nur selten mehr an und wird den Namen "Wirfelstein" bald vergessen haben". Schulleiter Angerhofer in Hinterstoder an P. Anselm Pfeiffer 1895.

Hysterolithen
Als wirksames Heilmittel galten auch die Steinkerne einer unter dem Namen "Hysterolithus albicans" bekannt gewesenen fossilen Muschel, besonders gegen verschiedene Frauenleiden... aber auch gegen Hexerei, weshalb sie als Amulette getragen wurden. (Abel).

"Versteinerte Ziegenklauen"
vom Plattensee in Ungarn sind die Wirbel der tertiären Muschel Congeria ungula capae.

Stosszahnbruchstücke des Mammut. "Einhorn"
Die Stosszähne des Mammut hatten als Einhorn hohes Ansehen. sie galten als Schutzmittel gegen Gift und Biss und gaben den Namen für Apotheken. Splitter dieses Heilmittels wurden einst mit Gold aufgewogen und in Gold und Silber gefasst, seit 1714 aber nur mehr an eisernen Ketten verwahrt. Häufig wurde das echte "gegrabene" Einhorn, "Unicornium verum" mit Narwalzähnen gefälscht und von Kennern als "Unicornium falsum" geringer eingeschätzt.

Belemnitella, "Katzenstein", "Lyncurium".
Belemnitella, der Rest eines dem Tintenfische ähnlichen Weichtieres aus der Kreide von Rügen, ist goldbraun und riecht gerieben nach Katzenurin und hiess darum Katzenstein. So enstand die Sage, dass die Belemnitellen versteinerter Luchsurin seien, Sie wurden unter dem Namen "Lycurium" lange Zeit als Heilmittel verwendet. Der Luchs, so erzählte man sich, verstecke seinen Urin aus Neid vor den Menschen und verscharre ihn in die Erde. Denn das Lyncurium ist, wie auch der Luchs weiss, ein allbeckanntes Heilmittel gegen das "Albdrücken" oder den "Nachtschrecken". Dass diese Versteinerungen überhaupt sehr heilkräftig seien, das bezeugen auch andere, die in den Belemnitellen "Donnerkeile" sehen, die besser imstande wären, die von bösen Geistern & Hexen den Menschen zugefügten Krankheiten zu heilen als heilsame Kräuter und andere "natürliche" Heilmittel. Aber auch gegen Gelbsucht, Wechselfieber, Seitenstechen, Verstopfung & besonders gegen Harn- & Blasenleiden wurden die Belemnitellen vielfach angewendet. (Abel nach Valentini : "Natur- & Materialienkammer 1705.)
Die Belemniten sind ebenfalls Reste von dem Tintenfisch ähnlichen Wechtieren aus der Juraformation, sie hiessen auch "Teufelsfinger" und galten als Geschosse böser Geister, der "Elfen" oder "Alben".
Nach Abel: Die vorzeitlichen Tiere in Märchen, Sage und Aberglaube 1928.

Stacheln eines Seeigels (Cidaris). "Judensteine"
Die Reste fossiler Stachelhäuter, die Gehäuse und Stachel der Seeigel, die Stielglieder der Seelilien galten als wirksam gegen "pestilenzische Luft" und gegen Gifte, schützten als Amulette im Kampfe gegen Verwundung. In Dänemark wurden die fossilen Seeigel aus der weissen Schreibkreide als Gegenmittel gegen Zauberei und Verhexung des Viehes in die Milcheimer gelegt.
Die Stachel einer Cidaris aus der Kreide Palästinas wurde seit den Kreuzzügen oft heimgebracht und als "Judensteine" zur Heilung der Nieren- & Blasenleiden verwendet. (Abel).

Fosslie Haifischzähne. Zungensteine, Natternzungen, Schwalbensteine.
Fossile Haifischzähe galten als Gegenmittel gegen Gifte. Plinius nannte sie "Glossopetrae" "Zungensteine". Andere nannten sie "Natternzungen" & Schwalbensteine". Im 16. Jahrhundert wurden diese Gebilde als Fischzähne erkannt aber doch noch von vielen am Hals oder an den Armen getragen. Andere legten sie in Wein oder Wasser. "Sie dürfen aber nicht gefälscht sein und müssen aus Malta sein". (Abel)



Quellen und Literatur:




ABEL, Othenio 1919: Die Reste fossiler Tiere im Volksglauben und in der Sage, Naturwissenschaften 7, 141–146

ABEL, Othenio 1923: Die vorweltlichen Tiere in Märchen, Sage und Aberglaube. Wissen und Wirken, Bd. 8, Karlsruhe

ANGERER, Leonhard 1910: Geologie und Prähistorie von Kremsmünster, in: 60. Programm des kais. kön. Obergymnasiums der Benediktiner zu Kremsmünster für das Schuljahr 1910, Kremsmünster

ANGERER, P. Leonhard 1912-1933: Tagebuch der Naturalien-Kabinette und des botan. Gartens in Kremsmünster, II. Band, MS, Kustodiatsarchiv der Sternwarte, Kremsmünster

PFEIFFER, P. Anselm 1896: "Wirfelsteine", in: Mitt. der Sektion für Naturkunde des Österr. Touristen-Clubs, VIII. Jg., Nr. 2, Wien, 16



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Letzte Änderung: 2025-06-28