aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster
März 2007
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Inv. Nr. 860619/02 Foto: P. Amand Kraml (200703135989 und 200703135923) |
Zur Zeit als die Vogelsammlung noch im ersten Stockwerk untergebracht war, kam ein etwas eigentümlicher "Irrgast"
in diese Sammlung. P. Anselm Pfeiffer zählt in seiner Arbeit über die Vogelsammlung in der Sternwarte drei Exemplare
von Amazona aestiva - damals noch unter Chrysotis aestiva - auf. Von zweien gibt er die Herkunft an: "1 Stück vom Herrn Dr. Compass in Steyr, 1848;
1 Stück wurde im Jahre 1863 in einem Wäldchen bei Neuhofen a. d. K. vom Herrn
P. Friedrich Schmid geschossen. Die räthselhafte Erscheinung wurde durch eine Zeitungsnotiz sofort aufgeklärt.
Eine Rothbug-Amazone hatte während des Transportes auf der Westbahn innerhalb der Strecke Enns — Linz
durch das geöffnete Waggonfenster das Freie gesucht." (Pfeiffer, 21)
Die von P. Anselm angegebenene Zeitungsnotiz konnte nicht gefunden werden. Der im Folgenden wiedergegebene
Zeitungsausschnitt stammt ebenfalls aus dem Jahr 1863 und ebenso wird Neuhofen als Abschussortes
angegeben. Vielleicht handelt es sich ja um unser Objekt, dessen Ende hier beschrieben wird.
Neuhofen, im anmuthigen Kremsthal, eine
Poststation von Linz, wo drei schöne Jagdreviere
zusammengrenzen, war jüngst Zeuge einer sonder-
baren Jagd.
An der Krems stehen hie und da himmelhohe
Eichen und Pappeln. Die Bauern der Gegend
sind alle passionirte Jäger. Einer dieser Groß-
grundbesitzer geht des Weges an der Krems und
in der Abendsonne Glanz, hoch am Gipfel einer
Albern, sieht er einen Vogel gar wunderbarer
Art, mit noch seltsamerem Geschrei. Er glaubte
sogar Töne gehört zu haben, als ob der Vogel
menschliche Worte gesprochen hätte. Das regt den
Bauern noch mehr auf, er denkt sogar an ver-
wunschene Prinzen, von denen die Sage in des
Volkes Munde geht.
Schnell läuft er zum Jäger, ruft noch einige
Kameraden und nun ziehen sie wie die sieben
Schwaben mit klafterlangen Flinten, den selt-
samen Vogel zu erlegen.
Drei, vier Schüsse bleiben ohne Erfolg. Der
Vogel steigt nur ein paar Zweige noch höher
hinauf. Endlich der fünfte Schuß wirft ihn herab,
aber noch lebend. Der Unglückliche spricht noch
einige Worte und verendet. Man bringt ihn zu
den Honoratioren von Neuhofen und erfahrt nun,
daß der seltsame Vogel ein Papagei ist, der sich
wahrscheinlich aus einem der nahe gelegenen
Schlösser verflogen hat.
Das ist das Loos des Schönen auf der Erde!
ANONYMUS 1863: Neuhofen, in: Jagd-Zeitung, 6. Jg. Nr. 22, 30. Nov. 1863, Wien, 692.
PFEIFFER, P. Anselm 1887: Die Vogelsammlung in der Sternwarte Kremsmünster, in: 37. Programm des k. k.
Ober-Gymnasiums zu Kremsmünster für das Schuljahr 1887, Linz.