Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

Dezember 2006


Uhrentäfelchen

Uhrentäfelchen von P. Aegid Everard
Holzkästchen: 15,5 x 7 x 1,8 cm
Gesamthöhe mit Kästchen und Messingständer: 21 cm
Messingtäfelchen mit Silberscheibe: 5,6 x 9,5 cm
Inv. Nr.: 16090508

Foto: P. Amand Kraml


Uhrentäfelchen von P. Aegid Everard

Bion, Tab. 26

Vorder- und Rückseite des Uhrentäfelchen, Foto: P. Amand Kraml

Bei dem Uhrentäfelchen des P.Aegid Everard handelt es sich um eine Universal-Höhensonnenuhr, die nach dem Konstruktionsprinzip des "Allgemeinen Uhrentäfelchens" (Quadratum horarium generale) gefertigt wurde. Die Entwicklung dieser besonderen Art einer Höhensonnenuhr wird Johannes Müller, genannt Regiomontanus (1436-1476) zugeschrieben, der sie in Nürnberg im Jahre 1475 erstmals in einem Kalender veröffentlichte.
Zur Zeit seiner Erfindung fand das Allgemeine Uhrentäfelchen keine allzu große Verbreitung, stellt doch seine Handhabung eine gewisse Anforderung an den Benutzer dar. So sind Geräte aus dieser und der kurz darauffolgenden Zeit kaum erhalten. Auch die wesentlich später hergestellten Uhren dieser Art, wie das vorliegende Uhrentäfelchen des P.Aegid Everard (ca. 1670), sind eher seltene Museumsstücke. In Österreichs Museen findet man neben diesem Gerät aus der Sammlung der Sternwarte Kremsmünster ein weiteres Uhrentäfelchen in etwas abgewandelter Form an einer kreuzförmige Sonnenuhr im KHM Wien.


Beschreibung aus Nicolaus BION (S. 356-358)

Von der Zubereitung einer gerad-linigten Universal-Uhr

Die 5te Figur stellet eine gerad-linigte Uhr vor, welche bey unterschiedlichen Latitudinibus oder Polus-Höhen kan gebrauchet werden. Solche wird auf eine Platte von Kupfer, oder einer andern dichten Materie gemacht, die hübsch gleich, nach Belieben groß, und nach Proportion dick seye.

Bion, Tab. 26

Abb. aus BION, Tab. XXVI, pag. 362, Fig. 4

Wann nun diese Uhr aufgerissen werden soll, so ziehet man die Linien AB und CD, die einander winckelrecht im Punct E durchschneiden, beschreibet aus demselbigen, als dem Centro, einen Quadranten AF, und theilet solchen in 90. Grad. Man reisset ferner aus dem Punct E einen Zeichen-Trager, nach der im dritten Capitel erklärten Methode auf, theilet ein jedes Zeichen von 10. zu 10. Graden, und setzet die ersten Buchstaben der Monate in denen Gegenden, die jenen zukommen, bey, indeme man hierinnen supponiret, daß der Eingang der Sonnen, gleichwie wir schon gesagt haben, den 20ten bey jeden Monat geschehe, also daß, zum Exempel, der Eingang in den Widder den 20. Martii, der Eingang in den Stier den 20. April, und so weiters, sich ereigne, welches sich auf einem so kleinen Instrument ohne mercklichen Fehler wol thun lässet. Man ziehet ferner aus dem Centro E durch die Theilungen des Quadrantens punctirte Linien biß an die Linie AG, um selbige in Puncten einzutheilen, aus denen man mit der Linie AB parallel-lauffende Linien ziehet, welche die unterschiedliche Latitudines oder Polus Höhen seyn werden, die man nur zwischen den zweyen Tropicis andeutet, gleichwie man solche in dieser Figur siehet, allwo sie von 5. zu 5. Graden gezogen werden. Man träget auch aus dem Punct B auf jeder Seiten der Linie BH, die Eintheilungen der Zeichen, die in dem grossen Triangul bey der Latitudine von 45. Graden genommen worden, auf, damit man allda einen andern Zodiacum vorstellig machen möge.

Wann nun die Stunden-Linien auf dieser Uhr sollen gezogen werden, so beschreibet man von 15. zu 15. Graden im Quadranten AF mit ED parallel-laufende Linien, welches ED die Linie der 6ten Stund, und das Punct A von Mitternacht seyn wird; Eben diese Weiten von der Linie ED träget man mit einem Zirckel gegen B, welches das Punct des Mittags ist, auf, vor die halbe Stunden nimmt man im Quadranten 7. Grad, 30. Minuten, und ziehet andere Parallel-Linien zwischen den Stunden-Linien.

Man kan auch die Stunden mit Beyhülff eines Circkuls ziehen, dessen Diameter die Linie AB seye, und seine Circumferenz in 24. gleiche Theil vor die Stunden, und 48. vor die halbe Stunden theilen. Hernach muß man aus den Puncten der gegenüberstehenden Eintheilungen parallele Linien ziehen, so werden die Stunden und halbe Stunden , gleichwie wir bey der Construction der andern gerad-linigten Figur schon gemeldet haben, vorhanden seyn.

Aus dem Punct I, als dem Centro, ziehet man endlich einen andern blinden Quadranten, der in 90. Grad getheilet wird, welche auf dem äussern Rand der Platten beschrieben werden, gleichwie es aus der Figur erhellet, allwo sie nur von 5. zu 5. Graden eingetheilet sind.

Diese Eintheilung dienet, daß man die Höhe der Sonnen über dem Horizont, wie wir unten davon handeln werden, nehmen möge.>p> Man machet an dem obern Rand auf der Linie GH zwey Absehen vest, da ein jedes ein kleines Loch hat, damit die Sonnen-Strahlen hindurch fallen können.

Das mit K bezeichnete Stück ist ein kleiner Arm oder Zeiger, welcher aus dreyen messingen Stücklein bestehet, da eines an dem andern mit Stefften, die Köpffe haben, angenietet ist, so daß solche ihre Bewegung lincks und rechts haben mögen. An dem spitzigen Ende, welches ein gar kleines Loch hat, machet man einen Faden vest, der mit einem Senck-Bley versehen ist, und an dem ein sehr kleines Perlen, oder ein Knopff von einer Steck- Nadel hin und wieder gehet; dieser kleine Arm wird auf besagten Platten mit einem Stefft, in der Gegend bey K so angemacht, daß er seine Bewegung haben kan.

Gebrauch.

Man stellet, wann die Stund zu wissen verlanget wird, das Ende des Zeigers auf den Durschnitt, welchen die Linie von der Latitudine des Orts mit dem Grad des Zeichens oder dem Monats-Tag macht, spannet den Faden aus, und richtet das Perlen auf dergleichen Grad des Zeichens im kleinen Zodiaco, welcher auf der Mittag-Linie BI gezogen ist, wendet auch das Absehen G gegen die Sonne, also daß sein Radius durch die zwey Absehen gehe, so wird alsdann in der Gegend, wo das Perlen die Fläche anrühret, die gegenwärtige Stund sich zeigen.

Wann man die Zeit des Auf- und Niedergangs der Sonnen in allen Zeichen des Zodiaci, und vor alle auf der Uhr bezeichnete Latitudines, wissen will, stellet man die Spitze des Zeigers auf den Durchschnitt von der Latitudine des Orts und den Grad des Zeichens, und lässet ganz frey das Bley samt dem Faden mit den Stunden- Linien parallel hinunter fallen, so wird solcher die Stund des Auf- und Niedergangs der Sonnen andeuten. Wann, zum Exempel, das Ende des Zeigers auf dem Durchschnitt des Zeichens vom Krebs, und der Latitudinis von 49. Graden, vest gestellet worden, wird der Faden die Linie von 4. Uhr zu früh, und von [hier fehlt im Text der Wert] Uhr zu Abends, anrühren, welches zu erkennen giebet, daß ungefehr den 20ten Junii die Sonne zu Paris um 4. Uhr zu früh auf- und zu Abends um 8. Uhr untergehe, und so ferner.

Wann man aber die Höhe der Sonnen über dem Horizont zu wissen verlanget, so stellet man die Spitze des Zeigers in das Punct I, richtet das Instrument so lang hoch oder nieder, biß daß der Radius der Sonnen durch das Loch des Absehens H gehen, und sich durch das andere Absehen auch zeigen möge, alsdann aber wird der an seinem Senck-Bley ausgespannte Faden die Erhöhung der Sonnen in denen auf dem äussern Rand der Platten gezogenen Graden andeuten.

Alle diese Arten der Sonnen-Uhren, welche die Stunden durch die Höhen der Sonnen andeuten, haben den Vortheil, daß man keines Compasses vonnöthen hat, hingegen ist ihr gemeiner Fehler, daß man um den Mittag herum die rechte Stund nicht wissen könne; es seye dann durch viele Observationes, welche zu erkennen geben, ob die Sonne hoch oder niedrig steige, und folglich, ob sie in dem Ostlichen oder Westlichen Theil sich befinde.


Quellen und Literatur:

BION, Nicolaus, Neu eröffnete Mathematische Werck-Schule, oder gründliche Anweisung wie die Mathematische Instrumenten nicht allein schicklich und recht zu gebrauchen, sondern auch auf die beste und accurateste Manier zu verfertigen, zu probiren, und allzeit in guten Stand zu erhalten sind. Alles mit solcher Deutlichkeit beschrieben, und durch viele dienliche Figuren erkläret, daß es sowol denen, die von Mathematischen Wissenschafften Profession machen, als auch andern Mechanicis und Künstlern sehr nützlich seyn kan: Aus dem Französischen ins Teutsche übersetzt. Franckfurt und Leipzig, 1712.

FELLÖCKER, P. Sigmund, Geschichte der Sternwarte der Benediktiner-Abtei Kremsmünster, Linz 1864

GRUBER, Maria, Die Mathematik in Österreich im 17. Jahrhundert anhand der Biographie zweier Benediktiner, Diss TU Wien, Wien 1996

KRAML, Eva, KRAML, Roman & KRAML, P. Amand, Bibliographia Gnomonicae. Alte Literatur über Sonnenuhren in der Stiftsbibliothek Kremsmünster, ADV-Berichte Nr. 34, Kremsmünster 1996



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