Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

Juli 2001


Walbarte      Walbarte

Walbarten in der Fensternische des Zoologischen Kabinetts
Foto: P. Amand Kraml


Barten eines Grönlandwales Balaena mysticetus von 1688

Im Zoologischen Kabinett hängen in der mittleren Fensterleibung gegen das Gymnasium hin zwei 3.2 m lange sensenblattförmige Barten eines Grönlandwales. Barten sind an der Innenseite gefranste Hornplatten, die in zwei Reihen vom Gaumen der Bartenwale hängen. In ihrer Gesamtheit bilden sie einen bei der Nahrungsaufnahme wirkungsvollen Filterapparat: Durch das geöffnete Maul aufgenommenes Wasser wird zwischen den Lippen seitwärts ausgepresst, wobei die kleinen Beutetiere an den Bartenfransen hängen bleiben. Je nach Walart besteht jede der beiden Bartenreihen aus 150-400 Platten. Diese sind bei den meisten Walen kurz, werden aber beim Grönlandwal bis gegen 4 m lang. Unsere beiden Walbarten wurden bereits 1688 dem Linzer Händler Johann Prunner zusammen mit weiteren "raren Sachen" vom Abt Erenbert Schrevogl abgekauft. Die Rechnung dafür ist im Stiftsarchiv noch vorhanden (Kammereirechnung 2443, Bl. N. 317).

Rechnung 1 Der hochwürdig in Gott andechtig auch wohl-
Edl und hochgelehrte Herr Herr Erenbertus
Abbt, des fürstlichen Stüffte und Closter Krembs-
münster (:titl:) p. p. Soll mir geben, Umb
empfangen selbsten, in Bartlme Linzer Markht
An°. 1688 - wie volgt,
2 große Waalfisch Barth.........................fl. 7.30
4 Cathalogus von Lyev ...........................fl. 1.30
1 Persyanischen Rockh mit fein gold in
Silberen Blumen ..................... Holl. gl. ... 40,-

...

...
Rechnung 2 Diese 301 Hollandisch Gulden ieder zu
36 kreuz. teutsch gelt gerechnet bringen .... 180.36
                 Summa ....... 189.36
An°. 1688: in Bartlme Markht
Völlig und gaar bezalt wordn
                 Johann Prunner

Woher nun unsere beiden Walbarten kommen ist nicht ganz klar. Vermutlich stammen sie aber von holländischen Walfängern, da Prunner sie zusammen mit verschiedenen holländischen Waren ans Stift verkauft hat. Wo sie ausgestellt waren, bis sie ihren heutigen Ausstellungsplatz einnahmen, soll hier geklärt werden.
Vor dem Bau der Sternwarte gab es vermutlich für die Aufbewahrung und die Präsentation verschiedenster kurioser Gegenstände zwei Möglichkeiten: die Kunstkammer der Abtei und das Museum fratrum. Geht man den Ursprüngen des Museum fratrum nach, so findet man - offenbar im Zusammenhang mit der Wiederbelebung der Hauslehranstalt unter Abt Martin Resch (1704-1709) - bei P. Ulrich Hartenschneider (S. 200) die Erwähnung, es seien zwei neue Schulzimmer und ein Museum in einem großen Saale neben der Bibliothek errichtet worden. Bis zur Errichtung der Mathematischen Stube im heutigen Klerikatstrakt über dem Stiftsarchiv liegt der Verbleib unserer alten Sammelobjekte im Dunkel.
Unter Abt Alexander Fixlmillner (1731-1759) wurde 1737 das Philosophicum mit zwei Lehrstühlen für Logik, Metaphysik und Physik eingerichtet. Es wurde 1749 um das Studium der Mathematik und 1757 um die Experimentalphilosophie erweitert. Mit der Eröffnung der Ritterakademie (Diplom vom 17. September 1744) erhielten alle diese wissenschaftlichen Betätigungen eine breite Basis. 1746 berief man durch P. Anselm Desings Vermittlung P. Eugen Dobler aus dem Kloster Irsee für die Betreuung der Mathematischen Stube nach Kremsmünster. Er war ein Mann, der neben der Bearbeitung von Messing für verschiedenste physikalische Gerätschaften auch das Präparieren von Tieren, besonders von Vögeln, beherrschte. In der Beschreibung der Mathematischen Stube oder des Museum fratrum folgen wir P. Franz Schwab in seiner Arbeit über P. Eugen Dobler. "Als Lokal wurde das alte Recreatorium am östlichen Ende des unteren Schlafhauses, im ersten Stocke gelegen, verwendet. Sie (die Mathematische Stube) hatte zwei Zugänge, einen vom Konvent durch den Gang des Schlafhauses und einen, der von einer gerade unterhalb gelegenen Türe über eine Stiege zum Gang führt. Der erste war für die im Kloster wohnenden Patres, der zweite für die Schüler, Gäste und das Publikum bestimmt. Die Mathematische Stube hatte eine Länge von ungefähr 18 m, eine Breite von 11 m und eine Höhe von 3.5 m. Sie hatte gegen Norden und Süden je 4 Fenster, gegen Osten zwei, war aber durch eine Mauer nach der Breite in zwei ungleiche Räume geteilt. An den Wänden wurden schöne, von den hiesigen Tischlern angefertigte Kästen, in der Mitte Schau- und Experimentiertische aufgestellt. Für optische Versuche konnte der Raum abgedunkelt werden. Die Aufstellung erfolgte unter Doblers Leitung. P. Marian Pachmayr, der selbst von 1754-1761 abwechselnd Mathematik und Physik lehrte, hat uns eine Art Katalog dieses Museums hinterlassen, aus dem wir hier nur die Hauptgruppen hervorheben wollen. Die Gebiete, welchen die Sammlungsstücke angehörten, waren: Arithmetik, Geometrie, Mechanik, Hydrostatik, Hydrodynamik, Aerostatik, Akustik, Optik, Magnetismus und Elektrizität, Gnomonik, Geographie, Astronomie; ferner waren aufgestellt: Modelle für Architektur, Naturalien aus allen drei Naturreichen, Antiquitäten und Münzen." (Schwab, S. 20-21)
Man sieht also, dieses Museum ist durchaus als Vorstufe zu den Sammlungen in der Sternwarte zu sehen und konnte sich mit vielen ähnlichen Sammlungen in ganz Europa vergleichen. Aus einer Kuriositätenkammer ist die Präsentation einer enzyklopädischen Zusammenschau auf die damals so weitläufigen Bereiche der Philosophie geworden.
Die Objekte der Naturgeschichte seien hier einzeln nach P. Marian Pachmayr angeführt: "...mineralia, marmora, petrefacta, stalactitae, lapides stellati etc. Hominum et animalium embryones, monstrosi partus, sceleta, elephantis olim Viennae visi praegrandia ossa; rhinocerotis, monocerotis marini, piscis serrati, Schwerdtfisch, aliarumque belluarum rariora cornua; salpa integra; ceti Priapus cum costa sartoria rarae longitudinis, stellae, conchae, et aranei marnini, volucrum ova, papilionum et insectorum collectio, aves exenteratae, herbarium vivum etc." (S. 732)
All diese Objekte wurden, wie uns P. Laurenz Doberschiz berichtet, 1760 in wenigen Tagen über eine eigens dafür errichtete Brücke aus dem Museum fratrum über die Gartenmauer direkt in den ersten Stock der Sternwarte geschafft (S. 16-17 und 176). Auch unsere Walbarten übertrug man dabei in die Sternwarte und lehnte sie im Naturalienkabinett im zweiten Stockwerk an die Seiten eines Kastens, wo Skelette ausgestellt waren. 1830 ist das Zoologische Kabinett im Erdgeschoß auf der Nordseite. Dort sind nach Hartenschneider (S. 389) die Walbarten zu dieser Zeit zu finden. Erst als im Jahre 1877 das Zoologische Kabinett im "Hohen Saal" eingerichtet wurde, kamen sie dorthin, wo sie heute zu sehen sind.


Quellen und Literatur:

DOBERSCHITZ, P. Laurenz 1764: Specula Cremifanensis, MS CCn 1048 (Herausgegeben von P. Amand Kraml als Heft Nr. 40 der Berichte des Anselm Desing Vereins, Februar 1999)

HAGN, Theodorich, 1848: Das Wirken der Benediktiner-Abtei Kremsmünster für Wissenschaft, Kunst und Jugendbildung. Ein Beitrag zur Literatur- und Kulturgeschichte Österreichs, Linz

HARTENSCHNEIDER, P. Ulrich 1830: Historische und topographische Darstellung des Stiftes Kremsmünster in Österreich ob der Enns. Aus Stiftsquellen gezogen, geordnet, berichtigt und bis auf das gegenwärtige Jahr fortgesetzt, Wien

KRAML, P. Amand 1995: Sammlungsobjekte aus dem Museum fratrum - zwei Barten eines Grönlandwales, Balaena mysticetus, in: Naturwissenschaftliche Sammlungen Kremsmünster. Berichte des Anselm Desing Vereins Nr. 28, Februar 1995, Kremsmünster, 17-23

NEUMÜLLER, P. Willibrord (Hrsg.) 1961: Archivalische Vorarbeiten zur Österreichischen Kunsttopographie, 2 Bde, Wien

PACHMAYR, P. Marianus, 1777: Historico-Chronologica Series Abbatum et Religiosorum Monasterii Cremifanensis, Styriae

SCHWAB, P. Franz 1906ff.: P. Eugenius Dobler O.S.B. aus Irrsee, 1713-1796, MS im Archiv der Sternwarte (Großteils veröffentlicht: P. Eugenius Dobler OSB und Kremsmünster von P. Ansgar Rabenalt, in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktiner-Ordens und seiner Zweige, St. Ottilien (93) 1982, 959-1009


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Letzte Änderung: 2016-04-20