P. Anselm Pfeiffer

von P. Leonhard Angerer


P. Anselm Pfeiffer Am 10. Juli [1902] wurde in Kremsmünster ein Mann zu Grabe getragen, der als Priester, Lehrer und Forscher ausgezeichnet war. Die folgenden Zeilen sollen den schwachen Umriß eines Lebensbildes dieses hochverdienten Benediktiners bieten.
P. Anselm Pfeiffer wurde zu Spital am Pyhrn am 12. September 1848 als Sohn eines Arztes geboren; von den Gymnasialstudien legte er vier Klassen in Admont, die vier oberen in Kremsmünster zurück. Am 3. September 1868 erhielt er hier das Ordenskleid des heil. Benedikt und am 12. September 1872 gelobte er durch die feierliche Profeß ganz und für immer dem Herrn zu dienen als Sohn des heil. Benedikt im altehrwürdigen Stifte Kremsmünster. Am 27. Juli 1873 zum Priester geweiht, feierte er wenige Tage darauf, am 6. August, in der Stiftskirche zu Spital am Pyhrn sein erstes heil. Meßopfer. Abt Augustin Reslhuber bestimmte den jungen Priester zum Lehramt am Gymnasium. Nachdem er ein Jahr als Supplent für die lateinische und deutsche Sprache gewirkt hatte, hörte er 1874 – 1877 an der k. k. Universität in Wien die Vorlesungen aus den naturgeschichtlichen Fächern. Mit großer Verehrung sprach er zeitlebens von seinen Lehrern an der Universität, besonders gerne erzählte er von Neumayer, Sueß, Reichhardt, Wiesner und Tschermak. Auch seine Lehrer schätzten den fleißigen, strebsamen Benediktiner. Oft erkundigten sie sich, wie es P. Anselm gehe, und kamen sie in die Nähe, so suchten sie ihn gerne auf und freuten sich mit ihm über die schönen Erfolge seiner emsigen Arbeit. Im Jahre 1877 übernahm er das Lehramt der Naturgeschichte am Gymnasium in Kremsmünster und behielt es, bis er Mitte Februar dieses Jahres [1902] durch Krankheit erschöpft, die Schule nicht mehr besuchen konnte.
P. Anselm war ein ausgezeichneter Lehrer. "Non multa, sed multum" war sein Ziel in der Auswahl des Lehrstoffes. Oft mochte es ihn Überwindung kosten, aus dem überreichen Schatze seiner Kenntnisse nur soviel auszuwählen, als in der Schule in den wenigen Lehrstunden mit Erfolg durchgearbeitet werden konnte, und alles übrige zurückzustellen. Auch die Fassungskraft seiner Schüler, die Anforderungen, welche die übrigen Lehrgegenstände an die Studenten [= Gymnasiasten, Anm. AK] stellen, hatte er stets vor Augen. Doch konnten die zwei wöchentlichen Stunden, welche der Lehrplan der Naturgeschichte zuweist, nicht genügen; um strebsamen und begabten Schülern mehr mitteilen zu können, widmete er viele freie Zeit dazu, solchen Schülern ausgiebige Unterstützung und Anleitung zum Anlegen kleiner Schülersammlungen zu geben; er gab ihnen Unterricht im Secieren, Skeletieren und Anfertigen verschiedener Präparate. In der Sternwarte ist ein eigener Kasten vollbesetzt mit zahlreichen, sorgfältig und sauber gearbeiteten Präparaten. Hofrat Toldt äußerte sich einmal, diese Schüler des P. Anselm seien ihren Kollegen sichtlich überlegen im anatomischen Präparieren und Beobachten.
Große Bereicherung erfuhren die naturgeschichtlichen Sammlungen und Lehrmittel während der Kustodie des P. Anselm. Er war so glücklich, gleich zu Anfang seiner Lehrtätigkeit prächtige Räume zur Neuordnung und Aufstellung der bereits großen und wertvollen Sammlungen zu erhalten (das heutige "Zoologische Kabinet"), und fand an dem damaligen Prior P. Sigismund Fellöcker, welcher mit wahrem Bienenfleiß im Mineralienkabinet arbeitete, einen treuen und immer hilfsbereiten Gönner. Die Angehörigen unserer Studenten lernten bald den liebenswürdigen P. Anselm schätzen und erfreuten ihn gar oft mit recht wertvollen und schönen Stücken. Fast jede der Sammlungen hat während dieser 25 Jahre ausgiebige Bereicherung erfahren; meist sind es die allerschönsten Objekte, welche P. Anselm einreihen konnte. Jedes Gymnasial-Programm weist solche reiche Spenden auf. Es ist eine Pflicht der Pietät, hier am Grabe des P. Anselm neuerdings all denen zu danken, welche ihm durch ihre edle Freigebigkeit halfen, soviel Schönes zu schaffen. Eine Spezialität unseres zoologischen Kabinettes ist die Kolibri-Sammlung. Sie war die Lieblings-Sammlung des P. Anselm. Er wollte diese allerliebsten Geschöpfe möglichst vollständig in der Sammlung haben, und wußte, daß jedes einzelne neben seinen Verwandten mehr zur Geltung kommt, als wenn es allein in der Sammlung stünde. Doch die Dotation war bescheiden und die Kolibri teuer! Da gründete P. Anselm die "Kolibri-Kasse", d. h. er erbot sich, seinen Kollegen allerlei kleine Dienste und Aushilfe zu leisten, wofür er sich kleine Beiträge zum Ankauf neuer Kolibri erbat. Auch Wetten wußte er so zu beeinflussen, daß er den Gewinn für seine Kasse einstecken konnte. So gelang es ihm, jedes Jahr ein Sümmchen zusammenzubringen, das ausreichte, ein Dutzend und mehr dieser niedlichen Geschöpfe zu kaufen und voll Freude im Refektorium zuerst seinen Mitbrüdern zu zeigen.
Im Jahre 1889 ging ein weiterer Herzenswunsch P. Anselms in Erfüllung. Der Herr Prälat erlaubte den Versuch, einen
botanischen Schulgarten innerhalb der Mauern der Schwimmschule anzulegen. Die folgenden Jahre brachten Erweiterungen desselben. Damit war dem Kustos ein Arbeitsfeld eröffnet, das ihm viel Mühe, aber auch viele Freude bereiten sollte. Er setzte seinen Stolz darein, dem ungepflegten und trockenen Boden eine reiche Blütenpracht zu entlocken. Vor allem war die alpine Anlage Gegenstand seiner Fürsorge; er hatte seine helle Freude daran, wie die vielen farbenprächtigen Alpenblumen sich rasch eingewöhnten und kräftig entwickelten.
Neben dieser Tätigkeit in der Schule und in den Sammlungen ging eine reiche wissenschaftliche Tätigkeit einher. Zahlreich sind die Aufsätze, die er in Gymnasial-Programmen und Zeitschriften veröffentlichte. Die Titel dieser Aufsätze werden an anderer Stelle aufgezählt werden.
In der Schule, in den Sammlungen, inmitten eifriger Schüler fühlte sich P. Anselm glücklich; doch fand er auch in der Öffentlichkeit ehrende Auszeichnung. Se. Majestät unser Kaiser sprach zu ihm nach einem Besuche unserer Samlungen am 19. Aug. 1884 Worte huldvoller Anerkennung und verlieh dem jungen Manne im Jahre 1887 das goldene Verdienstkreuz mit der Krone.
Über seiner vielseitigen und rastlosen Tätigkeit für Schule und Wissenschaft vergaß aber P. Anselm niemals auf die Pflichten des Priesters und Ordensmannes. In jungen Jahren leistete er oft und gerne Aushilfe in der Seelsorge und solange er konnte, ließ er es sich angelegen sein, am gemeinsamen Chorgebet teilzunehmen.
Innig und rührend war seine Verehrung der Mutter Gottes, der er sein ganzes Leben und all seine Arbeiten weihte, die er in allen Lagen des Lebens um ihre Fürbitte anrief. Zu ihr pilgerte er alle Jahre an seinem Geburtstage nach Adlwang. Mochte der Weg und das Wetter noch so schlecht, seine Körperkraft noch so schwach sein, er mochte das neue Schuljahr nicht beginnen, ohne vorher an der Gnadenstätte „der schmerzhaften Mutter“ für sich und all seine Lieben, vorerst für seine Studenten gebetet zu haben.
Von inniger Frömmigkeit war auch sein Unterricht durchweht, in welchem er stets auf die Schönheit und Zweckmäßigkeit aller Dinge hinwies, die ein Beweis seien, daß der höchstweise Gott sie geschaffen und eingerichtet habe. Tiefe Frömmigkeit bewies er endlich in der Zeit seiner Krankheit, da er die quälenden Leiden mit großer Geduld ertrug und sich zum Hingang in die Ewigkeit vorbereitete.
Das Lebensbild wäre unvollständig, wenn wir nicht erwähnten, daß er stets milde war in seinem Urteil über andere, besonders in der Beurteilung der studierenden Jugend. Allerdings trat er stets ein für strenge Disziplin, setzte alle Ausdauer und Energie ein, wenn Übelstände abzustellen waren; doch im Urteil über den Fehlenden war er milde und wußte Mittel zu finden, welche den Irrenden wieder auf den rechten Weg brachten, ohne daß jemand unnötig gekränkt wurde. Darum war die Teilnahme der studierenden Jugend während der langen Krankheit ihres Lehrers eine rührende, darum war der Sarg von seinen Schülern mit vielen Kränzen und Blumen geschmückt; es war das der sinnige Ausdruck des Dankes der Studenten an ihren Lehrer, der sie mit unermüdlicher Geduld und väterlicher Liebe die Schönheit der Natur gelehrt hatte. Auch für uns liegt darin ein Trost. "Beati misericordes, quoniam misericordiam consequentur“ verheißt uns der Heiland. Wir hoffen, daß auch P. Anselm einen milden und gnädigen Richter gefunden hat.


Literatur:

ANONYMUS [P. Leonhard Angerer] 1902: P. Anselm Pfeiffer, Separat-Abdruck aus dem "Linzer Volksblatt" Nr. 161 vom 15. Juli 1902, Linz

ANGERER, P. Leonhard 1903: P. Anselm Pfeiffer, in: Dreiundfünfzigstes Programm des kais. kön. Obergymnasiums der Benediktiner zu Kremsmünster für das Schuljahr 1903, Linz, 3-22


(c) P. Amand Kraml, 2004-09-15
Letzte Änderung: 2008-07-03