Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

Februar 2015


Titulus
Grabinschrift CIL. III 5632
Titulus, um 200 n. Chr.
Größe: 107 x 56 x 12 cm, Untersberger Marmor, ("Forellenmarmor")
rote Farbreste in den Buchstaben

Foto: P. Amand Kraml.


Grabinschrift CIL. III 5632

D(is) m(anibus)
T(itus) F(lavius) Victorinus v(eteranus) ex de
c(urione) alae Tamp(ianae) v(ivus) f(ecit ) sib(i)
et F(laviae) Victorine fil(iae ) o(bitae) an(norum) X X I I I et Cosutiae
Verae coniug(i) o(bitae) an(norum) L
et Cosutio Firmo ED(ucato)
o(bito) an(norum) X

Der lateinische Text wurde wie folgt ins Deutsche übersetzt:

Den Totengöttern Titus Flavius Victorianus, Rittmeister a. D. der ala Tampiana, hat zu Lebzeiten für sich, für seine mit 23 Jahren verstorbene Tochter Flavia Victorina, für seine im Alter von 50 Jahren verstorbene Gattin Cosutia Vera und für den zehnjährig gestorbenen Ziehsohn Consutius Firmus (dieses Grab) errichten lassen.
(siehe: STÖLLNER S. 136)

Der Grabstein ist in der nordöstlichen Fensternische im Erdgeschoß der Sternwarte eingemauert und ist wohl schon ganz früh dorthin gebracht worden. Schon P. Marian Pachmayr erwähnt in seiner Historico-chronologico series abbatum im Erdgeschoss Quod sequitur tabulatum II, ingessis obvium, varia id marmora, Romana, Turcica, Germanica conspicienda praebet, lipsana vetustatis. (PACHMAYR, 819)
Durch die Erwähnung bei J. H. Eckhel und J. A. Schultes (SCHULTES, 237) wurde der Grabstein auch von Gaisberger unter Nr. 64 (GAISBERGER, 48-51) näher beschrieben und daraufhin auch ins Corpus Inscriptionum Latinarum im III. Band unter Nr. 5632 aufgenommen.
Eine Erklärung zu diesem Grabstein gibt Lothar Eckhart in seiner Arbeit über die Kremsmünsterer Römersteine:
Ein Titulus wird niemals als selbständiger Grabstein verwendet, sondern steht immer in Zusammenhang mit einem größeren Totenmal. Ein solches hat also laut Inschrift der Veteran Titus Flavius Victorinus bei Lebzeiten für sich sowie für seine dahingeschiedene Gattin und die beiden gleichfalls schon verstorbenen Kinder machen lassen. Der alte Soldat wurde als Unterführer (decurio) einer berittenen Hilfstruppeneinheit verabschiedet, mit seiner missio honesta erhielt er das römische Bürgerrecht, worin ihm seine Tochter Flavia Victorina folgt, vermutlich ist sie deshalb vor der Gattin Cosutia Vera genannt, die, wie auch der Sohn Cosutius Firmus, einen zwar latinisierten, jedoch unrömischen (etruskischen?) Gentilnamen trägt. ... Wenn nun der Stein um 200 n. Chr. anzusetzen ist, und die ala Tampiana um 200 in Lentia-Linz garnisonierte, so liegt es nahe anzunehmen, daß der letzte Dienstort des Veteranen Titus Flavius eben Lentia-Linz gewesen ist. (ECKHART, 55-56)


Quellen und Literatur:

BIRLEY, Eric 1952: Noricum, Britain and the Roman Army, in: Beiträge zur älteren europäischen Kulturgeschichte, Festschr. R. Egger 1, Carinthia I, Bd. 143, 175-188

Corpus Inscriptionum Latinarum [CIL] 1873:, III, Nr. 5632, 681

ECKHART, Lothar 1969: Die Römersteine des Benediktinerstiftes Kremsmünster in Oberösterreich, in: Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines, Bd. 114, I. Abhandlungen, Linz, 49-68, Tafeln V-VIII

GAISBERGER, Josef 1853: Römische Inschriften im Lande ob der Ens, in: Dreizehnter Bericht über das Museum Francisco-Carolinum Nebst der achten Lieferung der Beiträge zur Landeskunde von Österreich ob der Ens, Linz

KRAFT, Konrad 1951: Zur Rekrutierung der Alen und Kohorten an Rhein und Donau (Dissertationes Bernenses I, 3) Bern

NOLL, Rudolf 1958: Römische Siedlung und Straßen im Limesgebiet zwischen Inn und Enns (OÖ.), in: Der Römische Limes in Österreich 21, 45

PACHMAYR, P. Marian, 1777: Historico-Chronologica Series Abbatum et Religiosorum Monasterii Cremifanensis, Styrae

PILLWEIN, Benedikt 1828: Geschichte Geographie und Statistik des Erzherzogthums Oesterreich ob der Enns und des Herzogtums Salzburg, Zweyter Theil: Der Traunkreis, Linz

PÖTSCH, P. Altman 2015: Vier Quellentexte zur Gründung Kremsmünsters, in: Öffentliches Stiftsgymnasium Kremsmünster, 158. Jahresbericht, Thalheim, 51-96

SCHULTES, J. A. 1809: Reise durch Oberösterreich, in den Jahren 1749, 1759, 1802, 1803, 1804 und 1808. I. Theil, Tübingen

STÖLLNER, P. Severin, LEBERBAUER, W. & LITTRINGER, K. 1996: Lateinische Inschriften in Kremsmünster, in: Öffentliches Stiftsgymnasium Kremsmünster, 139. Jahresbericht, 109-145

WAGNER, Walter 1953: Zur Geschichte der ala I Pannoniorum Tampiana victrix, in: Festschrift des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz Bd. 3, 97-101

WERNER, P. Konstantin 1929: Kremsmünster in Wort und Bild. Zum Geleite für seine Besucher, zur Erinnerung für seine Zöglinge, Steyr, [vgl. 213]



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Letzte Änderung: 2017-04-23