Objekt des Monats

aus dem Museum der Sternwarte Kremsmünster

November 2011


Diatomeen-Typen-Platte
Diatomeen-Typen-Platte
Schachtel mit Objektträger aus Glas
Größe der Schachtel: 10 x 4 x 1 cm
Diatomaceen=Typen=Platte, Deckglasdicke 1/9 mm, Nr. 91
I. D. Möller Wedel in Holstein Germania, 1869
Physikal. Kabinett Inv. Nr.: 1111224 20
Fotos: Günther Zeisler


Mikroskopisches Präparat Diatomeen-Typenplatte

Diatomeenplatte
Mikrofoto mit der Gesamtübersicht über die ganze Platte
Foto: P. Amand Kraml
Diatomeenplatte
Mikrofoto im Interferrenzkontrast
Foto: P. Amand Kraml
Das physikalische Kabinett verwahrt zwei solche Diatomeen-Pypenplatten aus der Firma von Johannes Diedrich Möller (1844-1907). Eine wohl etwas billigere mit 20 Diatomeenschalen in einer Reihe angeordnet zwischen zwei Euplodiscus argus (Nr. 74, Inv.Nr. 111209 03). Diese Diatomeen-panzer verwendete Möller zur Begrenzung seiner kunstvoll aufgereihten Objekte. In unserem Präparat sind vier solche etwa gleicher Größe als Eckpunkte aufgelegt. Dazwischen sind in 7 Reihen 98 unterschiedliche Diatomeen angeordnet. Einer der Panzer ist wohl aus seiner ursprünglichen Position verrutscht, wie ein Vergleich mit einer Fotografie einer Typenplatte von 1870, die bei BURBA (2007, 9) veröffentlicht ist, vermuten lässt.

Diese Diatomeenplatten, in denen Kieselalgenpanzer kunstvoll im mikroskopischen Präparat aufgelegt sind, verfertigte J. Möller in unterschiedlichen Versionen. Die hier vorgestellten "Typenplatten" erfüllten eher den wissenschaftlichen Zweck, Kieselalgen zu bestimmen. Eher ästetischen Zwecken dienten die von Möller als "irregulär gelegte Typenplatten" bezeichneten Präparate, die aber wunderschön die Vielfalt dieser Lebenswesen veranschaulichen.
Ein dritter Typ von Diatomeen-Präparaten, mit dem Möller sein Geld verdiente, waren die sogenannten "Salonpräparate". Sie sollten den Betrachter mit den feinen Strukturen der Kieselagenpanzer und deren kunstvoll-ästetischer Anordnung ergötzen.
Angaben, wie die physikalischen Sammlungen zu den beiden Diatomeen-Typenplatten gekommen sind, haben wir nicht. Auch eine Publikation zu diesen Sammelstücken fehlt.


Diatomeenplatte
Mikrofoto im Interferrenzkontrast
Foto: P. Amand Kraml
Diatomeenplatte
Mikrofoto im Interferrenzkontrast
Foto: P. Amand Kraml

Die bei Xaver Pfeifer zitierte Beschreibung, die "jene gepriesenen Mikroorganismen" (508) lobt, kann hier ihrer gewählt blumigen Ausdrucksweise wegen dem Leser kaum vorenthalten werden:
„Die Krone der mikroskopischen Objekte, die edelsten und vollkommensten aller Mikroorganismen sind die Diatomaceen, Geschöpfe, die wir ihren Lebensäußerungen nach unzweifelhaft zu den Pflanzen rechnen müssen, obschon Ehrenberg, der sich vielfach mit ihnen beschäftigte, sie hartnäckig als Tiere angesprochen hat. Die Diatomaceen sind einzellige Geschöpfe, aber, wie die Pflanzenzelle überhaupt schärfer begrenzt ist als die tierische, so haben auch die Diatomaceen eine scharf begrenzte Gestalt. Der protoplasmatische Zellinhalt ist durch einen braunen Farbstoff schön goldig gefärbt und von einer festen Membran umhüllt. Diese Membran nun ist das Merkwürdigste an dem ganzen Geschöpfe; sie ist nicht, wie die Zellmembran der höhern Pflanzen aus Zellulose aufgebaut, sondern aus Kieselsäure, sie ist daher unverweslich und unverbrennlich, wie die Kalkpanzer der Foraminiferen und die Kieselskelette der Radiolarien. Aber die Diatomeen begnügen sich nicht damit, sich ebenso wie jene Tiere, Panzer anzufertigen, deren zierliche Form ins Unendliche variiert, sondern sie versehen außerdem noch diese Panzer mit den wunderbarsten und merkwürdigsten Oberflächenzeichnungen. Diese Zeichnungen sind so kompliciert, dabei von so ornamentaler Vollendung und solcher Präcision der Durchführung, daß sie jeglicher Beschreibung spotten, und daß in der gesamten übrigen belebten Natur nichts mit ihnen Vergleichbares vorkommt. In den Diatomeen ist eine solche Fülle von ornamentaler Schönheit enthalten, daß jedem, der sich ihrem Studium hingiebt, nicht nur Wissenschaftlich, sondern auch künstlerisch eine neue Welt aufgeht.“ (Pfeifer, 507-508)


Diamantgravur links Diamantgravur rechts
Gravur mit Diamantgriffel, am Objektträger links
Foto: P. Amand Kraml, Dunkelfeld-Blitz
Gravur mit Diamantgriffel, am Objektträger rechts
Foto: P. Amand Kraml, Dunkelfeld-Blitz


Quellen und Literatur:

ANONYMUS [2007]: Johann Diedrich Möller 1844 - 1907 Die Kunst, Diatomeen zu legen, Ausstellung im Zoologischen und Botanischen Museum der Universität Hamburg, 15. November 2007 - 15. April 2008, www.mikrohamburg.de/Burba/m%F6ller.pdf

BURBA, Matthias 2007: Johann Diedrich Möller (1844-1907) - Über die Kunst, Diatomeen zu legen, in: Mikrokosmos, Bd. 96, Berlin, 7

BURBA, Matthias 2009: Mikroskopische Salonpräparate - Naturschönes und Kunstschönes auf kleinstem Raum, in: Mikrokosmos, Bd. 98, Berlin, 70

GÖKE, G. 1974: Gelegte Präparate von Diatomeen, Radiolarien und Foraminiferen, in: Mikrokosmos, Bd. 63, Berlin, 223

GÖKE, G. 2003: Gelegte Präparate von Protisten - Vergessene und neue Methoden, in: Mikrokosmos, Bd. 92, Berlin, 99

GRUNOW, A. 1878: Celve's und Möller's Diatomeen, in: Verhandlungen der Zoologisch-Botanischen Gesellschaft, Bd. 28 (Sitzungsberichte) Wien, 28

H. R. [=HANDMANN, P. Rudolph] 1900: Mikroskopische Salonpräparate, in: Natur und Offenbarung, Bd. 46, Münster, 335

HANDMANN, R. 1900: Diatomaceen-Präparate, in Natur und Offenbarung, Bd. 46, Münster, 169

LANGE-BERTALOT, Horst (Ed.) 2011: Diatomeen im Süßwasser-Benthos von Mitteleuropa. Bestimmungsflora Kieselalgen für die ökologische Praxis - Über 700 der häufigsten Arten und ihre Ökologie, Rugeli

NEUWEILER, N. G. 1941: Mechanischer Führungsapparat zum Legen von Diatomeenpräparaten, in: Mikrokosmos, Bd. 34, Berlin, 163

PFEIFER, Xaver, 1892: 59 Lichtdrucktafeln Möllerscher Diatomaceenpräparate [Recension], in: Natur und Offenbarung, Bd. 38, Münster, 507

ROSENBAUER, Karlheinz A. 2003: Mikroskopische Präparate. Hersteller und Lieferanten, eine Zusammenstellung aus zwei Jahrhunderten, Band 1: Deutschland - Niederlande - Belgien - Österreich - Schweiz - Spanien - Tschechoslowakei - Dänemark, Darmstadt

SCHMIDT, K. E. 1938: Wie stellt man Diatomeen-Reihen- und Kreispräparate her?, in Mikrokosmos, Bd. 31, Berlin, 57

SCHRADER, H. J. 1961: Diatomeen-Legepräparate, in: Mikrokosmos, Bd. 50, Berlin, 21

WEISS, Sabine & MÖLLER, Klaus (Hrsg.) 2006: J. D. Möller Optische Werke Wedel, 1864-1989, Erfurt



Zurück zur Homepage
Objekte früherer Monate

(c) P. Amand Kraml 2011-12-17
Letzte Änderung: 2012-02-20