Ichthyosaurus quadriscissus Quenstedt
[Abschrift der ursprünglich angebrachten Beschreibung von Othenio Abel]
Erklärung der Abkürzungen
Pmx: Paemaxillare, Smx: Supramaxillare, N: Nasenöffnung, Na: Nasale, Prf: Praefrontale, O: Orbita, Pof: Postfrontale, Te: Temporalgruben, Por: Postorbitale, Sq: Squamosum, St: Supratemporale, Qj: Quadratojugale, Ju: Jugale, Scl: Sklertikalring, De: Dentale, La: Lacrymale, Sang: Supraangulare, Ang: Angulare, Scl': Suprascapulare, Sp: Scapula, Clav: Clavicula, Ep: Epicoraciod, Cor: Coracoid, VoE: Vorderextremität, Hu: Humerus, Ra: Radius, Ul: Ulna, HiE: Hinterextremität, Il: Ilium, Pu: Pubio, Is: Ischium, Fe: Femur, Ti: Tibia, Fi: Fibula, - Abd: Abdominalrippen.
I. Systematische Stellung. Ausgestorbener Seitenzweig der Reptilien, Ordnung: Ichthyopterygia, Umfasst die Gattungen: Mixosaurus, Ichthyosaurus, Ophthalmosaurus, Baptanodon.
II. Körperbau. Arme und Füsse zu Flossen umgeformt; Unterarm und Unterschenkelknochen zu dünnen Knochenplatten geworden. Bei einigen Typen Fingerzahl bis auf neun vermehrt. Schädel in lange, spitze Schnauze auslaufend. Augenhöhlen sehr gross, mit knöchernem Ring. Nasenloch klein, nach hinten verschoben. Grosses Scheitelloch für das unpaare Parietalauge vorhanden. Wirbel zahlreich, 120-150; etwa 100 Schwanzwirbel, alle Wirbel bikonkav. Rippen zweiköpfig.
III. Körperform. Gleicht am meisten einem Delphin, unter den Fischen gewissen Haien (Carcharias, Oxyrhina). Während bei Walen die Schwanzflosse horizontal steht, ist sie bei Ichthyosaurus vertikal und tief ausgeschnitten. Der untere Lappen ist grösser als der obere und wird von dem scharf abgeknickten Ende der Wirbelsäule am Unterrande gestützt.
IV. Körpergrösse. Die grössten Formen bis zwölf Meter lang, also etwa so gross als ein Walfisch (z. B. Balaena glacialis). Am häufigsten Exemplare von Delphingrösse (in der Regel 2 m). V. Nahrung. Der Mageninhalt und versteinerte Exkremente beweisen, daß die Nahrung vorwiegend aus Fischen und Cephalopoden bestand. Sie wurde unzerkaut verschluckt. Zwischen den Zähnen eines Exemplars hat man einen Belemniten angetroffen. Ursprünglich Fischfresser, nährten sich die Typen des oberen Juras zum Teil nur von Tintenfischen und verloren die Zähne (Baptanodon, Jura von Nordamerika). Ebenso sind die fischfressenden Delphine reich bezahnt, die tintenfischfressenden (Hyperoodon) zahnlos.
VI. Lebensweise. Die Ichthyosaurier waren zweifellos vorzügliche Schwimmer; ans Land konnten sie ebenso wenig gehen als die Delphine. Da das Auge durch einen knöchernen Sklerotikalring gegen den Wasserdruck in grossen Tiefen geschützt war, konnten sie wahrscheinlich tief tauchen. Die Tiere, auf die hohe See beschränkt, brachten lebendige Junge zur Welt; man kennt Skelette mit 6-8 Embryonen. Die Hand war nicht gepanzert wie bei anderen Reptilien, sondern glatt wie bei Waltieren; dadurch verminderte sich der Reibungswiderstand des Wassers (Hautkleid erhalten an zwei Skeletten in Budapest und Tübingen).
VII. Geologisches Alter. Von der Trias bis zum Ende der Kreideformation; Hauptverbreitung im Lias; sterben in der Kreide ohne Nachkommen aus.
VIII. Geographische Verbreitung. Weltweit Hauptfundorte in Europa; aber auch aus Nordamerika, Queenland, Ostindien u. s. w. bekannt.
IX. Erhaltung der Reste. Die vollständigsten Reste aus dem Lias Englands (Lyme Regis) und Süddeutschland (Boll, Holzmaden etz. in Württemberg) bekannt. Die Tiere wurden als Leichen gegen den Strand getrieben und sanken zu Boden; die Unterseite blieb daher vorzüglich erhalten, während die Oberseite in Verwesung überging. Das Exemplar der Kremsmünsterer Sternwarte gehört zu den schönsten, die bisher entdeckt worden sind.
Dr. O. Abel. 1906
Quelle:
ABEL, Othenio, 1906: Ichthyosaurus quadriscissus Quenstedt, [Objektbeschreibung des Ausstellungsobjektes im Archiv der Sternwarte].