P. Sigmund Fellöcker
1816-1887

Biographie von P. Richard Rankl (1926)


Porträt

Vor hundert Jahren, wo man noch zu sagen pflegte: „Um Simoni und Judi — gehn d' Studenten in d' Studi", da wurde am Allerheiligentage der zehnjährige Josef Fellöcker (geb. 19. Februar 1816) von seinem Vater, dem Kupferschmied in Neuhofen a. d. Krems Nr. 71, ans Gymnasium nach Kremsmünster geschickt. Wie er in seiner Selbstbiographie schreibt, hat er es „mit stets wachsendem guten Erfolg vollendet;" er hatte bei der Promulgation einmal den zweiten und zweimal den ersten Preis erhalten. In den Humanitätsklassen (heutige 5. und 6.) hatte ihn P. Ignaz Reischl so fürs klassische Studium begeistert, „daß er jedes freie Stündchen auf Ovid, Virgil und Homer verwendete".

In den letzten zwei Jahren jedoch vermochten P. Wolfgang Danner in Mathematik und P. Marian Koller in Physik in ihm eine solche Vorliebe zu diesen Fächern zu wecken, daß er sich nach der Vollendung des Gymnasiums (1834) entschloß, an die Wiener Universität zu gehen, um dort höhere Mathematik um der Sache willen, Jus um des Brotes willen zu studieren. Da widmete er sich ganz dem Studium, dem Getriebe der Großstadt hielt er sich völlig fern und lebte klösterlich zurückgezogen. In religiöser Hinsicht aber fing er an, lau zu werden; da lernte er im Sommer 1835 den „ausgezeichneten Stiftskleriker von Kremsmünster F. Beda Piringer" kennen und ging häufig mit ihm im Schwarzenberggarten spazieren: Das Resultat war der Entschluß, ins Stift Kremsmünster einzutreten. Er machte in Wien noch alle Prüfungen aus Mathematik, Jus und Pädagogik, soweit er sie nach dem ersten Universitätsjahre machen konnte, und führte dann seinen Entschluß durch: am 21. September wurde er eingekleidet und erhielt den Namen F. Sigmund.

Zu den theologischen Studien wurde er nach Linz geschickt, wo er sich jedoch nur für die Dogmatik zu erwärmen vermochte; er studierte aber auch in den anderen Fächern mit solcher Pflichttreue, daß er immer die beste Note bekam. Hier fand er in dem Mathematikprofessor des Lyzeums, Franz Moth, einen guten Freund, mit dem er in den freien Stunden seine Lieblingsfächer Mathematik und Astronomie betreiben konnte. In seinem vierten Klerikatsjahre ließ ihm Universitätsprofessor Ettingshausen, der seine mathematische Veranlagung und seine Arbeitslust kannte und zu schätzen wußte, den ehrenden Antrag machen, er solle vom nächsten Jahr an "als sein Assistent nach Wien kommen, was er mit tausend Freuden getan hätte" - allein Abt Josef Altwirt verweigerte seine Zustimmung. Fr. Sigmund fügte sich ohne die leiseste Widerrede.

Nach seiner Priesterweihe (25. Juli 1840) wurde er vom neugewählten Abt Thomas Mitterndorfer zum Katecheten an der Hauptschule (Volksschule) ernannt mit dem Auftrage, in seinen freien Stunden in der Sternwarte mit den Astronomen P. Marian Koller und P. Augustin Reslhuber mitzuarbeiten. Als Katechet kam er in Korrespondenz mit Hirscher in Freiburg im Breisgau, dessen Katechetik — wie er selber sagt — seinem Leben eine entschiedene, glaubenswarme und tatenlustige Richtung gab. Auf dessen Rat hin fing er auch an, seine religiösen Gedanken zu veröffentlichen. Auf Anregung von Prof. Staudenmaier in Freiburg führte er im Jahre 1842 den Schulchristbaum ein, bei dem Weihnachtsspiele und Lieder durch Schulkinder zur Aufführung gebracht wurden. Er sammelte solche Lieder und Spiele, wo er sie fand, und gab 1849 diese Sammlung heraus unter dem Titel: „Weihnachtskränze aus Dichtungen aller christlichen Jahrhunderte."

Dabei fand er auch an Dialektdichtungen jenes große Interesse, das besonders in seinen letzten Jahren fruchtbar wurde in den Publikationen: „Kripplgsángl und Kripplgspiel", acht Bändchen (1880 - 1887) und „Allálei christligö Gsángá und Gspiel in der ob.-öst. Volksmundart von Zöhrer". In richtiger Erkenntnis des Wertes christlicher Volksbildung gründete er eine „Schul- und Gemeindebibliothek", die heutige Volksbibliothek.

Als Astronom war er zuuächst, wie er selbst sagt, nur Handlanger und Rechenmaschine. Aber eine große Reise im Jahre 1842 führte ihn auf die Sternwarten von Belgien, Holland und Deutschland und brachte ihn in Berührung mit den Astronomen und sonstigen wissenschaftlichen Größen der damaligen Zeit, er lernte unter anderen kennen: Lamont in München, Argelander in Bonn, Gauß und Weber in Göttingen, Hansen in Gotha, Möbius in Leipzig, die berühmten Uhrmacher: Jürgensen und Kessels und den Astronomen Schumacher in Altona, den späteren Neptunentdecker Galle und Encke in Berlin. Dieser regte ihn an, die Beobachtung, Vermessung und Zeichnung der Sterne zwischen 7h und 8h Rektaszension und 15° südl. und 15° nördl. Deklination für die Berliner Akademischen Sternkarten zu übernehmen. Mit freudiger Begeisterung arbeitete er in den folgenden Jahren an diesem Werk und beobachtete hiefür insgesamt 5602 Sterne, darunter 3228 der 8. bis 10. Größe, die er ganz neu beobachtete und rechnete. 1848 wurde seine Sternkarte von der Akademie der Wissenschaften in Berlin veröffentlicht.

Trotz seiner Erfolge war er aber von seiner Stellung nicht recht befriedigt, weil er den Ansprüchen, die einerseits Katechese und Seelsorge, anderseits die Astronomie an ihn stellten, nicht voll und ganz, wie es sein Ideal war, gerecht werden konnte. Da bekam er 1847 gar noch den Auftrag, sich allmählich in die Physik für das Gymnasium einführen zu lassen. Es darf darum nicht wundernehmen, wenn er nun an Abt Thomas die Bitte richtete, er möge ihm eines der beiden Geschäfte abnehmen. Sein Wunsch ging soweit in Erfüllung, als er im Jahre 1850, da am Gymnasium das Klassenlehrersystem durch das Fächersystem ersetzt wurde, Mathematik, Physik und Mineralogie übernehmen musste und bei dieser Lehrtätigkeit durch zwanzig Jahre hindurch bleiben konnte. Er wird als hervorragender Pädagoge und als der beste damalige Methodiker gerühmt und war ein ausgezeichneter Experimentator in der Physik. Da er die Güte und Milde selber war, wußte er das übermütige Studentenvolk disziplinär wohl nicht immer zu zügeln, aber die Klarheit seines Vortrages und die Begeisterung für seine Fächer vermochten doch die jungen Geister immer aufs neue wieder zu fesseln.

Er arbeitete in den neuen Gebieten gleich wieder mit dem ihm überall eigenen Feuereifer: In Mineralogie ordnete und beschrieb er die vorhandene Mineraliensammlung und bereicherte sie mit vielen Hunderten von Stücken. Für die Schule gab er Lehrbücher der Mineralogie und Geologie heraus, die in den meisten österreichischen Mittelschulen eingeführt wurden und viele Auflagen erlebten. In Physik legte er ein Verzeichnis der vorhandenen Apparate an, kaufte alljährlich neue dazu und beschrieb auch die Versuche, die sich damit machen ließen. Er war auch in Verkehr mit tüchtigen Experimentalphysikern wie Prof. Karl in München, und stand mit der Einrichtung des physikalischen Kabinettes auf einer Höhe, die wir noch heute bewundern müssen. Dabei hat er auch die Astronomie nicht ganz beiseite gelassen: Er gab 1864 bis 1809 „Die Geschichte der Sternwarte der Benediktinerabtei Kremsmünster" heraus, die einen stattlichen Band von über 300 Quartseiten ausfüllt, ein hervorragendes Werk über die Pflege des „mathematischen Studiums" in Kremsmünster seit der Mitte des 16. Jahrhunderts bis 1869, das allseits Anerkennung gefunden hat.

In seinen Mußestunden — soweit er überhaupt solche kannte — übte er die damals noch junge Kunst der Photographie aus und machte Aufnahmen vom Tassilobecher und anderen Kunstgegenständen des Stiftes, auch Porträtaufnahmen machte er, unter anderen auch eine solche von Bischof Rudigier im November 1862. Er hatte sich im Wällischgarten ein eigenes photographisches Laboratorium eingerichtet.

Trotz all dieser vielseitigen Tätigkeiten vergaß er nie, daß er auch Ordensmann und Priester sei. Er war ein fleißiger Chorbesucher, ein eifriger Beichtvater, er war Seelsorger für Klosterfrauen und auch Vorstand des Krankenhauses zum heiligen Vinzenz (1867-1871), er hatte an seelsorglicher Tätigkeit eine so große Freude, daß er nach dreißigjähriger Schultätigkeit an Abt Augustin Reslhuber mit der Bitte herantrat, eine Pfarrei übernehmen zu dürfen. Dieser erfüllte seinen Wunsch und machte ihn im Jahre 1871 zum Pfarrer von Weißkirchen, wo er wenigstens ein paar ruhigere Jahre verleben konnte. Er kam aber häufig ins Stift, besonders dann, wenn Männer der Wissenschaft Kremsmünster einen Besuch abstatteten. Er war ja mit den meisten von ihnen persönlich bekannt, da er des öfteren auch an den Naturforschertagungen teilgenommen hatte.

Sigmund Fellöckers Name hatte in der literarischen und naturwissenschaftlichen Welt überall einen guten Klang und seine Tätigkeit hatte auch vielseitige Anerkennung gefunden.

Im Jahre 1870 wurde er von der oberösterreichischen Landesschulbehörde als Delegierter zu einer von Minister Dr. Stremayr in Wien veranstalteten Enquete entsandt. Da es sich unter anderem auch um die Frage der Abschaffung des Religionsunterrichtes am Obergymnasium handelte, gab P. Sigmund folgende Erklärung ab: „Ich glaube als katholischer Lehrer auch im Namen der Akatholiken, ja sogar namens der Israeliten versichern zu können, daß keine Konfession den Ausschluß des religiösen Unterrichtes aus dem Obergymnasium wünscht — wenigstens kann ich mir keine solche Konfession denken!"

Die Staatsbehörde anerkannte seine Verdienste um die Schule durch Ernennung zum Schulrat, der Bischof machte ihn ob seiner geistlichen Verdienste zum geistlichen Rat, Abt Cölestin Ganglbauer berief ihn gleich nach seiner Wahl als Prior und Rentmeister ins Stift zurück.

Trotz dieser neuerlichen Doppelstellung arbeitete Pater Sigmund noch wissenschaftlich und literarisch weiter, er besorgte die Neuauflagen seiner Mineralogiebücher, gab die obengenannten Sammlungen von Dialektdichtuugeu heraus und veröffentlichte noch seine letzte mineralogische Arbeit: „Die chemischen Formeln der Mineralien in geometrischen Figuren dargestellt." Auch geistlich war er rastlos tätig: trotz seines immer mehr schmerzenden Magenleidens, an dem er seit seinem 50. Lebensjahre schon litt, ließ er es sich bis in seine letzten Tage nicht nehmen, in den Beichtstuhl zu gehen.

Seine Krankheit verschlimmerte sich sehr rasch, am 5. September 1887 wurde dieser ausgezeichnete Mann der Arbeit zur ewigen Ruhe abberufen: „Unermüdlich war sein Streben, beispielvoll sein Fleiß, gewissenhaft die Verwendung eines jeden Augenblickes, musterhaft sein Ordnungssinn", so charakterisiert ihn sein Mitbruder P. Columban Fruhwirth. Er war ein echter und rechter Benediktiner, ein Mann der Arbeit und des Gebetes, von dem man mit Grillparzer sagen kann: „Der ist's, der ist der Rechte, Wie der so möcht' ich sein!"


Quellen und Literatur

RANKL, P. Richard, Männergestalten aus Oberösterreich. Sigmund Fellöcker 1816-1887, in: Heimatland. Illustrierte Beilage zum "Linzer Volksblatt, Nr. 49, Linz 5. Dezember 1926, 393-394
FELLÖCKER, P. Sigmund.: Geschichte der Sternwarte der Benediktiner-Abtei Kremsmünster. Linz 1864.
KELLNER, Altman.: Musikgeschichte des Stiftes Kremsmünster nach den Quellen dargestellt. Kassel und Basel 1956.
KELLNER, Altman.: Profeßbuch des Stiftes Kremsmünster, Klagenfurt o. J.


(c) P. Amand Kraml 2010-12-03
Letzte Änderung: 2018-10-28