Leander Czerny +

von P. Richard Rankl

Lebenslauf:

Abt Leander Czerny Franz Czerny entstammt einer bäuerlichen Familie Mährens; er wurde am 4. Oktober 1859 in Mödritz geboren. Das Gymnasium besuchte er in Brünn, von der II. bis IV. Klasse war er Zögling des Bischöflichen Knabenseminars; als nach dem Tode seiner Mutter (1874) im Elternhaus die Wirtschaft abwärts ging, beschloß er, sich als Septimaner auf eigene Füße zu stellen: er wurde Hofmeister bei einem Tuchfabrikanten und verdiente sich neben der vollen Verpflegung noch 25 Gulden im Monat und zwei Anzüge jährlich.

Nach der Matura machte er in Wien das Einjährig-Freiwilligen-Jahr beim 7. Feldartillerie-Regiment, hernach studierte er ein Jahr lang Naturgeschichte an der Universität in Wien. In den Ferien war er als Hofmeister in Bad Ischl und kam mit seinen zwei Studenten gelegentlich eines Ausfluges zum Grundlsee mit drei Benediktinern von Kremsmünster zusammen. Diese Begegnung löste die Durchführung seines schon vor der Matura gefaßten Planes, Benediktiner zu werden, aus und er entschloß sich, in das Stift Kremsmünster einzutreten, das er wohl nie gesehen, von dem er aber schon viel Schönes gehört hatte: Abt Cölestin Ganglbauer war damals (1881) eben zum Erzbischof von Wien ernannt worden.

Er trat als Novize ein und wurde Frater Leander genannt. Nach dem Novizenjahr machte er seine theologischen Studien im Stifte St. Florian.  In diesen Jahren sammelte er Schnecken für den Professor der Naturgeschichte P. Anselm Pfeiffer in Kremsmünster. Nach seiner Priesterweihe 1886 kam er auf vier Jahre in die Seelsorge auf die dem Stift Kremsmünster inkorporierte Pfarre Eberstalzell. In der freien Zeit studierte er Naturgeschichte und moderne Sprachen. Im Sommer 1890 kam er zur besseren Ausbildung in der französischen und englischen Sprache nach Manneville südöstlich von St. Valery in Frankreich. 1890 bis 1893 lehrte er am Gymnasium zu Kremsmünster Französisch und Englisch, hierauf kehrte er wieder in die Seelsorgezurück und war: 1893 bis 1897 Kooperator in Viechtwang, 1897 bis 1903 Kooperator in Pfarrkirchen. Hier begann er mit Eifer Fliegen zu sammeln, blieb jedoch dabei ein sehr tüchtiger Seelsorger und war ein beliebter Prediger. 1903 wurde er vom Abt Leonhard Achleuthner als Patronatsverwalter ins Stift heimberufen.

Nach dessen Tod 1905 wurde er zu seinem Nachfolger gewählt (27. 4.) und lenkte als Abt durch 24 Jahre hindurch die Geschicke des Klosters Kremsmünster mit energischer Hand. Im Alter von 70 Jahren verzichtete er (1929) aus freien Stücken auf die äbtliche Würde und gewann so noch ein Jahrzehnt kostbarer Zeit für seine Arbeit in der Naturwissenschaft. Treue Anhänglichkeit bewahrte er dem oberösterreichischen Musealverein, zu dessen Mitgliedern er seit 1909 zählte.

Als 1941 das Stift Kremsmünster von der nationalsozialistischen Geheimen Staatspolizei beschlagnahmt wurde, jagte man auch den hochverdienten und gelehrten Abt Leander aus dem Kloster — er fand im Pfarrhof Pettenbach ein Asyl — dort starb er am 22. November 1944.

Sein Leichnam wurde nach Kremsmünster überführt und dort in der Äbtegruft des Friedhofes beigesetzt, die er sich gleich nach seiner Wahl erbaut hatte. Auf seinem Grabstein heißt es schlicht:

LEANDER CZERNY OSB.
1859-1944
ABBAS CREMIFANENSIS 1905-1929
DIPTEROLOGUS PRAECLARUS
OBIIT EXUL IN PETTENBACH 22. 11. 1944.

Fliegenforscher:

Zwei Vorträge, die Brehm in Brünn hielt, hatten im jungen Studenten Franz Czerny den Enthusiasmus für die Tierwelt entflammt, den er sein Leben lang nicht mehr verlor; P. Anselm Pfeiffer lenkte in Kremsmünster das Interesse des Benediktinerfraters Leander auf die kleine Tierwelt. Waren es anfangs nur die Schnecken, die er sammelte, so konzentrierte er sich bald auf die Zweiflügler — Dipteren. 1900 veröffentlichte er seine erste wissenschaftliche Arbeit in der Wiener Entomologischen Zeitung: Neue österreichische Dipteren.

Größere Reisen in Europa und ein Abstecher nach Afrika dienten seiner Forschung. 1901 durchwanderte er auf einer längeren Studienreise die naturhistorischen Museen von Stuttgart, Paris, Lille, London, Kiel, Kopenhagen, Lund, Stockholm, Berlin und Wien. Im Jahre 1907 machte er mit dem Benediktiner von Admont, Prof. P. Gabriel Strobl, eine Sammelreise nach Spanien. Die Fahrt ging über Innsbruck—Mailand—Marseille—Barcelona—Cordoba nach Algeciras. Auf der Fahrt hatten sie bei einem dreistündigen Aufenthalt in Bobadilla Gelegenheit, Fliegen zu sammeln. In Algeciras blieben sie eine ganze Woche lang und machten auch eine Exkursion nach Afrika, wo sie in Ceuta, weil sie der Spionage verdächtigt wurden, zum Festungskommandanten gebracht wurden.
Von Granada aus machten sie einen dreitägigen Ausflug in die Sierra Nevada. In Alcazar in Kastilien machten sie an einem Nachmittag einen besonders ausgiebigen Fliegenfang, mußten jedoch, da der Zug nach Alicante ausblieb, im Freien übernachten. Auf dem Castillo di Santa Barbara wurde die herrliche Aussicht bewundert, auf seinen Abhängen machten sie reiche Beute. Auch in Elche und Jativa (Monte Bernisa) ging es gut. Bis Barcelona fuhren die beiden Forscher noch mitsammen, dann trennte sich Abt Leander von seinem Begleiter und fuhr allein über Lyon und Genf heim.

Im Juli 1909 machte er eine Sammelreise nach Ungarn und Bosnien in Begleitung von Professor P. Johann Thalhammer S. J., den er in Calocsa abholte. Gesammelt wurde in Sarajevo, Travnik, Jajec und Banjaluka. Im Mai und Juni 1912 fuhr er nach Fiume und dann zu Schiff nach Ragusa und sammelte dort: Im Ombla- und Breno-Tal und in Uskoplje in der Herzegowina. Zurück ging die Reise über Zara, Pola und Triest. Von Pola machte er einen Abstecher nach Brioni, von Triest aus einen nach Abbazia und zum Stephanie-Schutzhaus des Monte Maggiore (927 m).

Seine letzte größere wissenschaftliche Reise machte er 1930 zur Wanderversammlung Deutscher Entomologen in Kiel, die von 195 Teilnehmern besucht war. Er nahm nur an den Vorträgen des Kieler Univ.-Professors Dr. H. Blunek teil, die ihn besonders interessierten — die übrige Zeit der Tagung, die von 11. bis 15. Juni dauerte, benützte er zum Sammeln am Meeresstrand.

Er hat 34 neue Dipteren-Gattungen und Untergattungen errichtet und 223 Dipterenarten neu beschrieben (das ausführliche Verzeichnis derselben befindet sich im 89. Jahresbericht des Obergymnasiums der Benediktiner von Kremsmünster, Schulj. 1946). Ihm zu Ehren wurden von den Dipterologen Strobl und Bezzi zwei Gattungen benannt: von den Dexiiden die Czernya und von den Clusiiden die Czernyola — 18 Arten tragen seinen Ehrennamen; 17 davon Czernyi, 1 Leanderi. Die folgenden Fliegenforscher benannten sie: Bezzi, Böttcher, Collart, Duda, Garret, Hendel, Johnson. Kertesz, Landrock, Stein und Strobl.

Von seinen dipterologischen Arbeiten wurde ein großer Teil in der Wiener Entomologischen Zeitung veröffentlicht: XIX 1900: 180, 205, 271; XX 1901: 34; XXI 190.2: 249; XXII 1903: 32, 61, 123; XXIII 1904: 137, 167, 199, 263; XXV 1906: 251, 254, 299. Ferner in Konowia: V 1926: 51; VIII 1929: 9, 95 u. a. X 1931: 21; XII 1933: 231; XIV 1935: 268.

Außerdem in: Verh. k. k. zool. botan. Ges. Wien 1903: 238 — in Zeitschrift für syst. Hym. u Dipt.: III 1903: 198, 239; 1909 S. 249 bis 290; 1924: Monographie der Helomyziden. In: Entomologische Mitteilungen: XVII 1928: 251; in: Mitteilungen der Deutschen entomolog. Gesellschaft I 1930: 117; in Mitteilungen des kön. naturw. Institutes in Sofia III 1930: 113; und in Stettiner Entomol. Zeitschrift 1932: 267. Für das große Fliegenwerk von Dr. Erwin Lindner: „Fliegen der palaearktischen Region" Verlag Schweizerbart, Stuttgart hat er 1927—1936 12 Familien bearbeitet.

Im Jahre 1935 hatte er begonnen, auch andere Insekten in sein Arbeitsgebiet einzubeziehen, für deren Bestimmung er sich jedoch die Mithilfe der zuständigen Spezialisten erbat.

Mit Ende 1940 umfaßten seine derartigen Sammlungen:

Eine Käfersammlung mit 782 Arten, bestimmt von Postdirektor i. R. Max Priesner in Linz.

Eine Hymenopterensammlung mit 877 Arten, bestimmt von Reg.-Rat Josef Kloiber in Linz; ein Teil davon: 443 Arten Ichneumoniden (Schlupfwespen) war von Dr. A. Roman am naturhistorischen Reichsmuseum in Stockholm bestimmt worden. Diese waren sein besonderer Stolz!

Odanatensammlung (Libellen)
28 Arten, alle gefangen in Kremsmünster, in der Nähe der Schacherteiche und der Teiche der Dändlleiten — von ihm selbst bestimmt.

Zikadensammlung
54 Arten, bestimmt von Mittelschullehrer H. Häupl in Halle a. d. S.

Trichopterensammlung (Köcherfliegen) 16 Arten.

Aaskäfersammlung 51 Arten, auf Hasen- und Katzenkadavern 1940 gefangen.

Abt Leanders wissenschaftliche Tätigkeit würdigte der bekannte Dipterologe Dr. Erwin Lindner, indem er ihm zum 80. Geburtstag schrieb:

"Ich nehme Ihren Geburtstag zum Anlaß, Sie meiner größten Dankbarkeit für Ihre so wertvolle Mitarbeit an unserem Fliegenwerk zu versichern und ich möchte nicht unbescheiden erscheinen, wenn ich Euer Hochwürden zugleich für den tätigen Anteil am Fortschritt der Wissenschaft ehrerbietigst danke."

Abt Leanders wissenschaftliche Korrespondenz umfaßte die Dipterologen der ganzen Welt. Seine reichhaltige wissenschaftliche Bibliothek enthielt fast alle dipterologischen Publikationen. Den Hauptteil seiner hochbedeutsamen Fliegensammlung übergab er zu Lebzeiten noch dem naturhistorischen Museum in Wien, einen kleineren Teil dem Linzer Museum.

Abt Leander war ein Gelehrter von Weltruf, auf den wir Benediktiner von Kremsmünster, ja wir Österreicher stolz sein können.

Ehre seinem Andenken !

P. Richard Rankl.

aus: Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines. 92. Band, 1947, 157-161